Eine Autostunde nördlich von Phoenix kreuzt die Interstate 17 an der Cordes Junction den Highway 69. Rechter Hand, abseits der Schnellstraßen, führt eine schmaler staubiger Weg in die Prärie. Ein paar Minuten später erscheinen am Horizont die Umrisse von futuristischen Kuppelbauten. Eine Bronzetafel taucht auf: »Welcome to Arcosanti, an urban laboratory«. Die Zivilisation meldet sich zurück.

Arcosanti. Urbanes Labor, architektonisches Utopia, postmoderne Hippie-Kommune. Siebzig Menschen leben in der Wüste von Arizona, um eine neue Stadt zu bauen. Das ideologische Fundament des Projekts legte der italienische Architekt Paolo Soleri: »Das Problem, mit dem ich konfrontiert bin, ist das Aussehen der heutigen Städte. Nur wenige Stockwerke hoch, dehnen sie sich über Meilen aus, unendlich wuchernd.« Dass Zersiedlung die Strukturen der meisten amerikanischen Orte prägt, ist für Soleri nicht weniger als eine städtebauliche Katastrophe. »Als Folge ihrer Wucherung verwandeln sie die Erde, machen landwirtschaftliche Flächen zu Parkplätzen und verschwenden ungeheure Zeit und Energie, um Menschen, Waren und Dienstleistungen zu verteilen«, schrieb er 1976. Im selben Jahr gründete er Arcosanti. »Meine Lösung ist eine urbane Implosion.«

Ein Modell im Visitor-Center zeigt, wie die Stadt eines Tages aussehen soll: Die für Soleri typischen Kuppelbauten ragen 26 Stockwerke hoch in den Himmel. Entlang einer sanft geneigten Terrassenanlage gruppieren sich die Wohntürme am Südhang eines Hügels. Die Grundsteinlegung liegt 25 Jahre zurück, doch entstanden ist bislang nur ein Torso. Zwei halbrunde Betonkuppeln überdachen die Werkstätten, in denen die Baumaterialien zusammengerührt und verarbeitet werden. Dahinter liegt ein Amphitheater für Kulturveranstaltungen und das Besucherzentrum mit Ausstellungsräumen und einer Cafeteria. In den Bau integriert: Appartements für die Bewohner, Gewächshäuser und ein verwaister Swimmingpool.

Ein einsames Windrad erinnert daran, dass die ganze Anlage irgendwann mit regenerativer Energie versorgt werden soll. Von Pergolen rankt Wein, vor halb fertigen Gebäuden biegen sich majestätische Zypressen im heißen Wind. Mit ihren Baukränen und Sonnensegeln erinnert die kleine Stadt an eine bewohnte Science-Fiction-Kulisse. Dass hier Menschen leben, entdeckt man allerdings erst auf den zweiten Blick: wenn man beim Spaziergang über ein Kinderfahrrad stolpert oder wenn plötzlich eine Wäscheleine mit Shorts und Shirts den Weg versperrt.

Soleris Projekt ist ambitioniert. Ausgelegt für eine Bevölkerung von 7000 Menschen, soll Arcosanti als eine Stadt neuen Typs entstehen, in der sich öffentlicher und privater Raum durchdringen. Eine aus sich selbst heraus lebensfähige Stadt, die mittels Solar- und Windkraftanlagen Elektrizität gewinnt und in Gewächshäusern frisches Gemüse produziert. Eine fußgängerfreundliche Stadt der kurzen Wege, in der es keine Parkplätze gibt, weil niemand ein Auto braucht.

Soleri nennt sein Konzept »Arcology« - ein Kunstwort, das die von ihm geforderte Synthese aus Architektur und Ökologie auf den Punkt bringt. In den Siebzigern traf seine Idee den Nerv der Zeit, und die Lehre der Arcology zog scharenweise Anhänger in die Wüste von Arizona. In fünfwöchigen Sommer-Workshops lehrte Soleri sein Konzept in Theorie und Praxis. Seine Schüler begannen, Arcosanti nach seinen Vorgaben zu bauen, und lernten, wie sich die Prinzipien der Arcology am Bau realisieren lassen.

»Was Sie hier sehen, haben ehrenamtliche Mitarbeiter geschaffen«, betont Ozi Friedrich bei einem Bummel durch die Stadt. Wie viele andere vor ihm ist der 27-jährige Student aus Portland, Oregon, ursprünglich für einen Workshop nach Arcosanti gekommen - und geblieben. »Die Bevölkerung von Arcosanti besteht aus Nomaden«, erklärt er. »Die Leute kommen, bleiben eine Weile, arbeiten am Ausbau der Stadt mit, gehen nach einem Sommer oder einem Jahr woandershin und kommen später vielleicht zurück.« Es sind Architekturstudenten und Aussteiger, aber auch arbeitslose Architekten und Ingenieure, die hier eine günstige Unterkunft und eine Aufgabe finden. Jeder Bewohner zahlt 110 Dollar Miete pro Monat in einen gemeinsamen Topf - dafür bietet die Stadt eine Bleibe, eine Gemeinschaft und eine sinnstiftende Tätigkeit.