Gutmenschen nennt der West-Realo-Slang jene öffentlichen Quengelgeister, denen es zur zynischen Fügung in den Lauf der Welt an Manneszucht gebricht. Solch einen Extraterrestrischen sah man unlängst in Berlin U-Bahn fahren. Er musterte die Passagiere und taxierte ihren Seelenpuls. Dann langte er in seine Tasche und versorgte die Menschen seines Wohlgefallens mit Flugblättern gegen den Tschetschenien-Krieg. Natürlich zählt er auch zu den Unterzeichnern dieses Papiers. Ekkehard Maaß, ostdeutscher Liedermacher, ist bei denen, die rufen: WIR HABEN ES SATT!

Lesen wir von hinten, beginnen wir mit den Unterschriften. Von Hans-Jürgen Fischbeck bis Christian Führer, von Heino Falcke bis Heiko Lietz tragen den Text hoch respektable Akteure der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung, und zwar solche, die es unterließen, post festum DDR eine Westpartei als Fähnlein Ost zu dekorieren. Parteipolitisch sind sie draußen. Selbst Wolfgang Ullmann, der Promi dieser Liste, gehört bei seinen Bündnisgrünen zu den Außenseitern. Oft hören solche Unassimilierten, sie müssten politisch erwachsen werden, also in der Einheit ankommen. Letzteres gelang dem Westen nie. Ihm fehlt - bisher - ein ostdeutsches Existenzial: der 89er Zeitenbruch, die Erfahrung des Scheiterns der eigenen Gesellschaft. Dass dieses Scheitern nun gesamtdeutsch drohe, ist die Prophetie des zornigen Papiers.

Was haben wir satt? - Volksverdummung, Parlamentsgelaber, die Rüstungsheuchelei, das Gesülz der Waffenbrüderschaft, den Kotau vor einem Großen Bruder inklusive "amerikanischer Begeisterung für die Todesstrafe", Horch & Guck à la Stasi, den Abbau von Rechtsstaatlichkeit und sonst wie schleichende Vorboten der Diktatur. "Lassen wir Medien, Parteien, Kultur und Wissenschaft nicht von röhrenden Funktionären gleichschalten." - Aaah, einmal so richtig röhren, einmal mit Thors Hammer Wahrheit meißeln, aus dem Thronsaal der Parteien stampfen und die Flügeltüre schmettern, dass der Lügenstaat zerklirrt oder wenigstens des Kanzlers liebste Kaffeetasse!

Dies ist leider das Problem des Manifests. Es liest sich wie ein Austritt aus der Bundesrepublik. Wer einen Raum verlässt, bedenke, dass er ihn wieder zu betreten wünschen könnte. Es scheint, als hätten die Autoren diesbezüglich wenig Hoffnung.

Ja, und der Adressat? Ist nicht der Kanzler, nicht Rot-Grün oder sonst ein Parteisubjekt, sondern wir sind's: das Volk. Liebe Manifestler: Danke für die furiose Post. Leider gibt es uns nicht mehr. Ihr träumt 1989. Wir privatisieren - nicht ohne Politik, aber fernab jeder widerständigen Kollektivität. Was Ihr uns "einfachen Bürgern" schreibt, will eine allgemeine Ohnmacht bündeln, die Ihr beschwört wie eine Kampfmoral. Diese Kraft der Schwachheit war das Wunder der Wende. Noch sind wir nicht wieder so weit, und dieser Staat ist nicht jener. Erklärt Euch genauer: Was wollt Ihr stürzen, was erhalten? Wonach hungert Ihr? Was kotzt Euch am meisten an?

Das Schlüsselwort heißt Krieg. Der 11. September regiert alle, auch uns Verweigerer der Waffenlogik. Uns lähmt die jäh erfahrene Fragilität der Welt. Uns bangt, es nähmen die westlichen Werte durch ebenjene Taten Schaden, die man zu ihrer Verteidigung exekutiert. Uns schockt, wie unserem Zivilempfinden Krieg als Facette von Kultur reimplantiert werden soll und dem Menschen der Soldat. Den Aufklärer entsetzt die zyklische Struktur der Humangeschichte: Krieg war - Krieg kommt immer wieder?

Hier nein zu sagen, gebietet das Gewissen. Das ist der Subtext des Manifests. Das will ich unterschreiben, aber keinen Rundumschlag, mit der Sense notiert. In der Wut schreibt niemand gut.