Kaum etwas bewegt sich. Die Hände nicht, die das Mikrofon festhalten. Die Füße nicht, obwohl sie im Takt wippen könnten. Auch nicht die elfenbeinfarbene Fender Stratocaster, die über seiner Schulter hängt. Wenn Dan Lee singt, muss er sich konzentrieren - Musik ist erst spät zu seinem Lebensinhalt geworden. Ende Oktober hatte er mit seiner Band High Five das erste Konzert in diesem Jahr. Seine Musik macht ihn nicht reich, aber glücklich. Er kann sich kaum mehr vorstellen, dass er noch vor kurzem ein hochrangiger Investmentbanker gewesen ist. Einer von denjenigen, die an Geld glauben - nicht an die Macht des Blues.

Dan Lee leitete den deutschen Ableger des amerikanischen Geldkonzerns Salomon Brothers. Vor zwei Jahren schmiss er den gut bezahlten Job bei der Investmentbank. Er hatte genug von den 70-Stunden-Wochen in den Konferenzräumen der Chefetagen, am Telefon und vor dem Computer. Freizeit und Familie gibt es für so jemanden nicht. "Den Jahresbonus habe ich allerdings noch mitgenommen, bevor ich gekündigt habe", sagt der 51-Jährige mit dem spitzbübischen Lächeln und seinen zum Zopf gebundenen grauen Haaren. Allein der Bonus war so üppig, dass er damit sein Haus am Frankfurter Stadtrand abbezahlen konnte.

"Zu dieser Zeit war es sehr verführerisch, auszusteigen", sagt Heinz Schuler, Professor an der Universität Hohenheim und Experte für Berufspsychologie. Das Geschäft lief gut, die Welt war im Börsenrausch, Provisionen flossen reichlich. Dan Lee hat sich von der Euphorie nicht anstecken lassen. Er ist bescheiden, hat in den guten Zeiten viel Geld gespart und kann heute seinen Traum leben. Seinen Abschied von der Finanzwelt hat er lange im Voraus geplant und immer wieder durchgerechnet, ob er sich ihn leisten kann. Auch heute noch kümmert er sich ein paar Stunden am Tag um sein Erspartes, kauft Wertpapiere und verwaltet im Internet seine Depots. Musik allein wirft für ihn nicht genug ab - bei den übrigen Mitgliedern seiner Band ist das anders. Jo, Michael, Rainer und Keyboarder Tony sind Profimusiker und spielen auch in anderen Bands. Für sie ist High Five vor allem ein netter Zeitvertreib mit Kumpeln. Sie spielen einen Mix aus Country und Blues und haben einfach eine Menge Spaß zusammen. That's it.

Dan Lee steigt aus und macht Musik. Andere Banker schreiben Bücher. Dann gibt es welche, die Läden eröffnen für handgefertigte Modelleisenbahnen, chilenische Weine und Zigarren oder monatelang mit ihrer Yacht im Atlantik herumschippern. Und wieder andere gucken in den Himmel. Hajo Banzhaf zum Beispiel. Seine Zukunft steht in den Sternen - und in den Karten. Der Münchner gab seine Topposition bei der Thurn- und Taxis-Bank auf, um Astrologe und Experte für Tarot zu werden. Mehr als ein Dutzend Bücher hat er geschrieben: Das Geheimnis der Hohepriesterin zum Beispiel und Tarot und die Reise des Helden. Es hat viele Jahre gedauert, bis er sich in der Szene etabliert hatte.

Er zog die Karte "Tod"

Banzhaf, 52, lebt im schicken Stadtteil München-Bogenhausen. Vierter Stock nach hinten raus, Blick ins Grüne. Die Ufer der Isar liegen nur wenige Minuten entfernt, das ist ihm wichtig, denn dort ist er gern mal mit dem Fahrrad unterwegs. In der Geldwelt hatte er alles erreicht. Ein Dutzend Jahre lang arbeitete er für die Thurn- und Taxis-Bank. Zunächst in der Vermögensverwaltung, stieg er schnell zum Chef der Auslandsabteilung auf. Bereits als 28-Jähriger verantwortete er den Devisenhandel und wachte über die Exportfinanzierung. Banzhaf wurde der jüngste Prokurist in der Geschichte der fürstlichen Privatbank, die später von der Schmidt-Bank in Hof übernommen wurde.

Sein Schlüsselerlebnis hatte Banzhaf auf der Geburtstagsparty eines Freundes. Dort lernte er, damals auf dem Höhepunkt seiner Bankkarriere, eine polnische Jüdin kennen, die ihm von Tarot erzählte. Banzhaf war interessiert, mehr nicht. Er bat die Namenlose, ihm die Karten zu legen, sie verabredeten sich für eine spätere Nacht in ihrer Wohnung. Ganz in Schwarz gekleidet, führte ihn die Frau - Hajo Banzhaf kennt ihren Namen bis heute nicht - ins Wohnzimmer. Im Kerzenschein lagen verdeckt die 78 Tarotkarten. Für eine sollte er sich entscheiden. Er zog. Es war ein Knochengerippe, das in einer schwarzen Ritterrüstung von einem Schimmel heruntergrinste. Schlechte Karten, dachte er. Doch der "Tod" ist kein Symbol des Sterbens. Vielmehr steht er für Abschiednehmen und Loslassen. Auch von dem bisherigen Leben. Bis Banzhaf tatsächlich kündigte, vergingen noch einige Jahre.