Nach 18 Monaten Baisse und einem kurzen, heftigen Aufschwung, den viele verpasst haben, suchen die Anleger verzweifelt Rat. Wer kennt die richtige Aktienstrategie, wenn die Indizes weltweit fallen - der Dax innerhalb der vergangenen zwölf Monate um knapp 20 Prozent und der Nemax 50 um 60 Prozent? Wer weiß, auf welche Werte man setzen muss, um den Aufschwung nicht zu verpassen? Und wie entwickelt sich die Börse im neuen Jahr? Einige hoffen auf weibliche Intuition, andere setzen darauf, dass sich wenigstens die Geschichte wiederholt: Drei schlechte Jahre hintereinander habe es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben, machen sich selbst professionelle Investoren Mut. Zwei aufeinander folgende Jahre im Minus schloss der Dax zuletzt 1965 und 1966. Allein deshalb müsse das neue Börsenjahr im Plus enden.

Doch so einfach funktionieren die Finanzmärkte nicht. Viel spricht dafür, dass 2002 erneut turbulent wird. "Der ganze Markt ist aus den Fugen geraten", sagt Hans-Jörg Schreiweis, der bei der DZ Bank das Geschäft mit Firmenkunden leitet. An der Börse ist nichts mehr, wie es früher einmal war.

Selbst die großen amerikanischen Investmentbanken, in der Vergangenheit notorisch optimistisch, erwarten bestenfalls eine einstellige Rendite. Mehr als fünf bis sieben Prozent Kursgewinn einschließlich Dividende seien für den amerikanischen Aktienmarkt nicht drin, meint Barton Biggs, Aktienstratege von Morgan Stanley - und das für die kommenden fünf Jahre. Richard Bernstein, Chefstratege bei Merrill Lynch, sagt auf Jahressicht sogar unveränderte Kurse voraus. Der Pessimist symbolisiert den Stimmungsumschwung an der Wall Street. Anfang November löste er die daueroptimistische Christine Callies als Chefprognostiker des führenden Brokerhauses ab; damit distanzierte sich Merrill auch vom alten Leitspruch Be bullish - Sei optimistisch -, wenn's um Aktien geht.

Die neue Bescheidenheit kommt nicht von ungefähr: Pleiten, Entlassungen und horrende Verluste haben die Verheißungen der New Economy - unendliches Wachstum und unglaubliche Gewinne - entzaubert. Die Rückkehr zur Normalität zeigt sich in den Prognosen der Banken. "Was ist eigentlich die normale Aktienrendite?", lautet die häufigste Frage.

Höchstens einstellige Renditen

Auf alle Fälle nicht zehn Prozent plus x, wie die Erfahrung der vergangenen 20 Jahre nahe legen könnte. Die Unternehmensgewinne wachsen langfristig nicht stärker als die Volkswirtschaft insgesamt, also das Bruttoinlandsprodukt. So steht es in einer Studie der Deutschen Asset Management, einer Tochter der Deutschen Bank. Und der Aktienkurs ist nun mal nichts anderes als die abdiskontierte Summe künftiger Unternehmensgewinne. Um 4,7 Prozent, erwartet der US-Finanzkonzern Citigroup, werden die Gewinne je Aktie der amerikanischen Unternehmen in diesem Jahr steigen, die Gewinne europäischer Unternehmen um 8,6 Prozent. Kein Wunder, dass auch die meisten Manager großer Investmentfonds, von Merrill Lynch zu ihren Erwartungen für 2002 befragt, bestenfalls einstellige Aktienrenditen vorhersagen.

Analysten und Fondsmanager erkennen, dass die vergangenen 20 Jahre exorbitanter Kursgewinne mit dem Hoch im März 2000 die Ausnahme waren. Heute können sich die Börsianer nicht mehr darauf verlassen, dass weiter sinkende Zinsen die Aktienkurse nach oben treiben. Niedrigere Zinsen lassen eine höhere Aktienbewertung zu, weil sie die erwarteten Unternehmensgewinne relativ gesehen besser erscheinen lassen. Da weltweit die Inflationsraten niedrig sind, haben die Zinsen aber kaum Spielraum nach unten. "Der Zinseffekt läuft aus", sagt Bernd Meyer, Aktienstratege für Europa bei der Deutschen Bank. Jetzt müssen allein steigende Unternehmensgewinne die Kurse heben.