Städteführer, die ins Ohr gehen

Wer hören will, muss reisen. Das wissen die Radiojournalisten Reinhard Kober und Matthias Morgenroth, seit sie sich auf ihren gemeinsamen Abstechern in die Ferne dem Sammeln von Geräuschen widmen. Sie zücken das Mikrofon anstelle des Fotoapparats, konservieren den Ruf des Muezzins, den Flügelschlag der Tauben auf dem Markusplatz oder das Trecken der Nordseewellen an den Strand. Noch lange zehren sie anschließend von ihren Tonvorräten, wie andere von ihrer Diashow.

Als das Börsenblatt des deutschen Buchhandels per Umfrage ermittelte, dass sich 44 Prozent der Deutschen im Jahr 2000 für Hörbücher interessierten, machten Kober und Morgenroth das Hobby zum Beruf. Innerhalb von sechs Monaten produzierten sie fünf akustische Reiseführer auf CD: Paris, Rom, London, New York und eine Nilfahrt. Berlin und Venedig werden folgen. »Das Hören ist eine Art der Rezeption, die der modernen Welt entspricht: kurzweilig, unkompliziert und vor allem 'nebenbei' einsetzbar«, wähnt sich das Verleger- und Autorenduo ganz dicht am Puls der Zeit.

Auf leichte Kost und seichten Klangteppich sollte sich der Hörer also einstellen, wenn er sich hinterm Steuerrad, auf der Nackenrolle oder am Bügelbrett von einer Stadtbummel-CD berieseln lässt. Zum Beispiel Paris: Am Anfang erklingt, jazzig arrangiert, die Marseillaise - nicht viel origineller, als würde sich ein Berlinführer mit der deutschen Nationalhymne einschmeicheln wollen. Weil der Text als Einstimmung für Anfänger konzipiert wurde, erfolgt die Beschallung von den klassischen Sehenswürdigkeiten her. Ein knappes Dreiviertelstündchen für die Erklärung von zehn Großattraktionen: Louvre, Palais Royal, Centre Pompidou, Saint-Germain, Île de la Cité.

Reiseberichte nach Schulfunkart werden durch Akkordeonklänge grundiert. Möglichst nah am Klischee. Und wenn mal wieder vom »regen Treiben« die Rede ist, kommt pünktlich die Metro angesaust: Paris, wie es brummt und braust. Etwas abrupt muss der Hörer manchmal umschalten. Stand eben noch das Staunen auf dem Eiffelturm im Programm, schweift schon der Blick zur Sacré-C“ur-Kirche. Der Streifzug durch das arabisch geprägte Belleville dauert übrigens gerade mal zwei Sätze lang. Denn die Zeit drängt. In 40 Minuten ist alles vorbei: drei Prominentenfriedhöfe im Galopp abgehakt, das leckere Eis von Berthillon weggelutscht.

Was bleibt, nachdem die Marseillaise zwecks finale glorioso nochmals erklingt? Ein mickriger Stadtplan, auf dem die meisten Straßen keine oder viel zu klein geschriebene Namen tragen. Ein paar nachhallende O-Töne von französischen Passanten, die schwärmerisch-verklärend den Allgemeinplatz pflegen. Das reicht selbst den Frischlingen unter den Parisfahrern nicht für die angekündigte »Einstimmung«.

Dort allerdings, wo die Autoren ins Detail gehen oder architektonische Schönheitsfehler reklamieren, bekommt der Hörstoff etwas Pfiff. Dann erzählt Jo Goldenberg von der Geschichte seines jüdischen Restaurants im Marais. Oder die CD über Rom erteilt einem Archäologen das Wort, der im Forum Romanum über das Leben in der Antike spricht, als wäre er ein Zeitreisender.