Vierzig Bürgerrechtler mit beachtlichen Verdiensten am Ende des SED-Regimes nehmen den Krieg in Afghanistan sowie die Anti-Terror-Gesetze zum Anlass einer grundsätzlichen Kritik des Westens. Sie empören sich über wirtschaftliche, militärische und politische Strukturen, "die für Machtgewinn und Profit unsere Interessen in lebenswichtigen Fragen einfach ignorieren". Sie sehen sich an die "wohlbekannten Übel der Diktatur erinnert". Geheimdienste hörten Telefongespräche ab, "Gummistricke" würden gedreht, die sie an die Gummiparagrafen des politischen Strafrechts der DDR erinnerten, die Wahlplakate der Parteien seien noch hohler als die politischen Losungen in der DDR. Das Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten sei noch empörender als das der SED-Volkskammerabgeordneten. "Sind die Mächtigen in den westlichen Staaten nicht auf dem besten Wege, Verhaltensweisen, Denkstrukturen und Wertesystem einer Terroristenbande anzunehmen? ... Wir haben 1989 gelernt, dass es Sinn hat, zu widersprechen."

"Das ist ja wie in der DDR", den Satz kann man im Osten oft hören. Gemeint ist zumeist Bürokratismus. Dass wir uns auf eine Diktatur zubewegen, das hatte ich so noch niemanden behaupten hören. Es liegt etwas Zwanghaftes in jener Berufung auf 1989. Wer damals, wie die Unterzeichner, sich öffentlich kritisch zu Wort meldete, ging ein unkalkulierbares Risko ein. Als sei das heute noch so, rufen sie in drastischen Worten zur Zivilcourage auf. Es sei kein Raum mehr "für die Sorge um den eigenen warmen Arsch - machen wir endlich den Mund auf!".

In Wahrheit ist es gar nicht mehr höchst riskant, die eigene Meinung auszusprechen, sondern höchst mühsam, sich seine Meinung zu bilden in den vertrackten Fragen, die sich seit dem 11. September stellen. Das sehen unsere Unterzeichner ganz anders. Sie stellen nicht zur Diskussion, sondern setzen einfach voraus, dass hinter diesem Krieg bloß Machtinteressen, Profitgier und die "Waffenhändler in den USA und in der Bundesrepublik" stecken. Die Schuld bin Ladens sei ja gar nicht bewiesen. Dass die Afghanen selbst das weithin anders sehen, rührt sie nicht. Auch diese Auffassung ist im Osten durchaus verbreitet. Die Aversion gegen die Großmacht Sowjetunion wird auf die verbliebene Großmacht USA übertragen, wie das auch dieser Aufruf tut, der mit dem Hinweis auf die Solidarität mit der Sowjetunion die Solidarität mit den USA ad absurdum führen möchte. Trotzdem wird dieser Aufruf nichts auslösen, denn es gibt da kein Tabu mehr zu brechen. Im Osten werden fleißig Leserbriefe geschrieben, deshalb kann man das alles längst in den östlichen Zeitungen lesen. Der Aufruf riecht nach Wiederholungszwang.

Und doch gibt es da ein Moment von Kontinuität. Nicht alle Unterzeichner kenne ich persönlich. Die ich kenne, gehörten im Herbst 1989 zu den Befürwortern eines "Dritten Wegs"; sie wollten eine kleine, antikapitalistische, pazifistische, basisdemokratische und gerechte DDR, die sich mit dem Westen erst dann vereinigt, wenn der bereit ist, sich auch auf den Pfad der Tugend zu begeben. Die Montagsdemonstranten dagegen gingen von der Losung "Wir sind das Volk" über zur Losung "Wir sind ein Volk" - zum Entsetzen dieser Bürgerrechtler und vieler westlicher Kommentatoren. Bei den ersten freien Volkskammerwahlen erreichten diese Helden des Herbstes (Bündnis 90) 2,9 Prozent. Zusammen mit der PDS stimmten sie - mit wenigen Ausnahmen - gegen den Beitritt und den Einigungsvertrag. Andere Oppositionelle des Herbstes übernahmen Regierungsverantwortung in der einzigen frei gewählten DDR-Regierung, wie die SPD, der Demokratische Aufbruch und die liberale Forumspartei. Eine Bewegung erweise sich als siegreich, indem sie zerfällt, sagte Hegel einmal sinngemäß.