Wenn Serjoscha von Sarajevo erzählen soll, fehlen ihm die Worte. Aber wie kann man auch beschreiben, was man fühlt, wenn man vor einer Wand mit Hunderten von Einschusslöchern steht? Oder eine Hauptstraße entlanggeht, an der es keine Häuser mehr gibt? Dass es beeindruckend gewesen sei und schockierend zugleich, sagt der 18-Jährige, wenn er von den zehn Tagen spricht, die er in Bosnien verbracht hat. Und dass er noch Wochen später um jedes Rasenstück einen großen Bogen gemacht habe - wegen der Minengefahr. Und dass er unbedingt wieder dorthin wolle, um weitere Kontakte zu knüpfen zu bosnischen Jugendlichen.

Serjoscha Gerhard ist einer von vielen Schülern, die sich bundesweit für die Initiative Schüler helfen leben (SHL) engagieren. Eine Initiative, in der Jugendliche schnelle und unbürokratische Hilfe für andere Jugendliche leisten wollen. "Mitten in Europa ist Krieg. Frieden für den Balkan" lautet ihr Motto. Vor knapp zehn Jahren beschloss eine Hand voll Schüler aus Bad Kreuznach, den Menschen im ehemaligen Jugoslawien zu helfen und in ihrer Schule Spendenaktionen zu starten. Mittlerweile hat SHL zehn Millionen Mark Spendengelder gesammelt und organisiert fast 100 Hilfsprojekte in Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und im Kosovo. Schulen werden mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks wieder instand gesetzt, Jugendzentren gebaut oder Camps mit deutschen und bosnischen Jugendlichen geplant.

Alle zwei Jahre wird bundesweit ein so genannter sozialer Tag veranstaltet, an dem Schüler arbeiten und den Lohn für SHL spenden. 35 000 haben 1998 mitgemacht, 100 000 waren es im vergangenen Jahr. Fast 50 junge Menschen absolvieren gerade ein soziales Jahr bei der Initiative, mindestens 50 weitere helfen regelmäßig, planen Aktionen und fahren in Camps in den betroffenen Länder, so wie Serjoscha.

Jugendliche wollen etwas tun. Sie wollen sich engagieren. Das sagt die Autorin Kathrin Seyfahrt, die für ihr Buch Mitmischen statt Rumhängen mit sehr vielen jungen Leuten gesprochen hat. So wie die 18-jährige Bella, die seit zwei Jahren bei Greenpeace mitarbeitet und sich seitdem "nicht mehr so hilflos und ohnmächtig" fühlt, oder Susanne, die mit nur 16 Jahren ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten Indiens organisierte. "Eines wird ganz deutlich", sagt Seyfahrt, "die Jugend ist auf der Suche nach Werten und will sich sinnvoll betätigen."

Das belegt auch eine Umfrage des Bundesfamilienministeriums. Von den 14- bis 24-Jährigen in Deutschland engagieren sich 37 Prozent freiwillig für andere - ebenso viele wie unter den 25- bis 59-Jährigen und 9 Prozent mehr als bei den noch Älteren. Von wegen Null-Bock-Generation! Auch der Jugendforscher Richard Münchmeier, der federführend an der Shell-Studie 2000 mitgearbeitet hat, mag die ewigen Vorurteile nicht mehr hören: "Wenn ich immer wieder Überschriften wie ,Null-Bock-Generation' oder ,Ego-Taktiker' lesen muss, dann leide ich wirklich. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Jugendliche bereit sind, Engagement und Verantwortung zu übernehmen." Sie arbeiteten jedoch nicht so gern in den klassischen Organisationen mit, sondern bauten lieber ihre eigenen Projekte auf. "Sich für eine Sache zu engagieren, von der man sieht, dass sie nichts bringt, lehnen die meisten unverblümt ab", sagt Münchmeier. "Geht es jedoch um ihre Sache, ihr Projekt, entwickeln sie erstaunliche Fähigkeiten. Man muss ihnen nur die Gelegenheit geben."

Bewusstsein für Gewalt schärfen

Anika Schulze aus Neuendorf bei Fürstenwalde wollte immer mal "was Soziales" machen. "Aber es gab keine Möglichkeit, die mich interessiert hätte", sagt die 17-Jährige. Ihr habe der Anstoß gefehlt. Als sie auf die Fachschule Dr. Peter-Rahn kam, wirkte das wie eine Initialzündung. Die Schule gründete im November vergangenen Jahres das Aktionsbündnis Jugend gegen Gewalt - Land Brandenburg. Anika war sofort dabei. Hervorgegangen ist die Initiative aus dem Projekt Jugend gegen Gewalt, das die Schule nach einem Überfall Rechtsradikaler auf einen Bus polnischer Musiker vor mehreren Jahren ins Leben rief. Ziel des Bündnisses ist es, die Zusammenarbeit mit anderen Schulen und Organisationen zu vertiefen und das Bewusstsein für Gewalt in der Gesellschaft zu schärfen.