Gleich neun Warnungen prangen an der Tür, hinter der sich das eine Million Mark teure Gerät verbirgt. Vor dem Betreten des Raums müssen Uhren, Ohrringe und Kugelschreiber abgelegt werden. Menschen mit Herzschrittmacher oder Metallsplittern im Körper müssen draußen bleiben. Wer das vergisst, macht mitunter merkwürdige Erfahrungen mit dem Gerät hinter der Tür. Wie die Diplomingenieurin Yvonne Candidus. Als sie sich dem Magnetresonanztomografen (MR) näherte, in dem ein Magnet mit der 15 000fachen Kraft des Erdmagnetfelds steckt, riss es ihr plötzlich den Bügel-BH hoch. Das Magnetfeld in dem Gerät ist so stark, dass es selbst in Stoff eingenähte Metallbügel anzieht. "Ich war zuerst richtig erschrocken", erinnert sich Yvonne Candidus, "aber dann musste ich total lachen." Zum Glück, sagt sie, seien keine Kollegen mit ihr im Raum gewesen.

Der Magnet dient ansonsten weniger dazu, Menschen zu belustigen, als ihre Krankheiten zu erkennen, indem er mithilfe der Kernspinresonanz Querschnittsbilder vom Körper erzeugt. Und das geht so: Durch das Magnetfeld werden die Wasserstoffatome im menschlichen Körper zunächst gleichmäßig ausgerichtet und durch Radiowellen so angeregt, dass sie zu schwingen beginnen und Signale aussenden. Diese Signale werden über Lokalantennen, so genannte Oberflächenspulen, empfangen, vom Computer digitalisiert und schließlich in Bildern dargestellt. Damit ist die Magnetresonanz- oder auch Kernspintomografie neben dem Röntgen und der Computertomografie eine Möglichkeit, Bilder aus dem Inneren des Körpers zu gewinnen, ohne ihn aufzuschneiden. Und sie ist die schonendste, weil sie ohne belastende Strahlung auskommt. Mit der MR lassen sich besonders gut Weichteile im Körper darstellen. Sie wird daher vor allem eingesetzt bei der Diagnose von Tumoren, bei multipler Sklerose oder auch bei Kapselrissen und Lungenentzündungen.

Das Magnetom "Concerto" von Siemens, das Yvonne Candidus in Verlegenheit brachte, ist ein spezielles MR-Gerät. Es ist nämlich offen und erst seit wenigen Monaten auf dem Markt. Das erste offene Gerät hat Siemens Medical Solutions bereits 1993 als Weltneuheit präsentiert und bis heute weiterentwickelt. Bis dahin mussten Patienten in eine enge Röhre geschoben werden, was besonders bei Kindern, Menschen mit Platzangst und dickeren Patienten zu Problemen führte. Auch war es bis dahin nicht möglich, schnell und unkompliziert, ohne einen Wechsel der verschiedenen Oberflächenspulen, Ganzkörperaufnahmen zu machen. Beim "Concerto" gibt es Spulen von Kopf bis Fuß in vier unterschiedlichen Größen, die sich miteinander verbinden lassen.

Die Kopfspule hat Yvonne Candidus entworfen. Sie ist Entwicklerin für Oberflächenspulen und zuständig "für alles, was auf der Liege ist" - also auch die Schaumstoffunterlagen. Die durchsichtige Kopfspule für das "Concerto" ist ihr bislang spektakulärstes Projekt; es ist weltweit einzigartig und zum Patent angemeldet. Als die 32-jährige Werkstoffwissenschaftlerin den Auftrag zur Entwicklung der Spule bekam, musste sie erst einmal schlucken. Keine leichte Aufgabe, dachte sie, gleich drei Wünsche der Patienten auf einmal zu erfüllen: Die möchten für die Untersuchung nicht eingeengt werden und bequem liegen, zugleich aber sollen hochauflösende Bilder entstehen, damit dem Arzt die Diagnose leichter fällt.

Spezielle Wünsche aus Asien

Die ersten Skizzen entwarf Yvonne Candidus am Computer, drehte und wendete das 3-D-Modell, überlegte zusammen mit den Hochfrequenzentwicklern, wie viele Kontakte man unterbringen kann und wo der Handgriff angebracht werden muss. Sie nahm einen Halbbogen aus Plexiglas, beklebte ihn mit Kupferdrähten an den Stellen, an denen später die Antennen sitzen sollten. Je mehr Antennen eine Spule enthält, desto besser ist die Auflösung der Schnittbilder. Das Problem dabei: Durch zu viele Kupferdrähte wird die Spule zu dunkel. Yvonne Candidus hatte die Idee, die versilberten Kupferleiter in durchsichtigen Kunststoff einzulassen. Der Patient hat so nicht das Gefühl, in einem Behälter eingeschlossen zu sein. "Es ist unheimlich spannend, ein Teil vom Konzept bis zur Fertigung zu betreuen", sagt die Ingenieurin, "aber es spielt für mich auch eine Rolle, etwas zum Wohl der Menschen zu tun."

Während Yvonne Candidus noch an ihrer Spule tüftelte, widmete sich Michael Eberler eine Halle weiter schon den nächsten Teilen des "Concerto", den Gradientenspulen. Diese sind normalerweise in der Röhre untergebracht, beim offenen MR-Gerät jedoch im Kopf- und Bodenteil. Die Gradienten steuern die Zuordnung der empfangenen Signale zu den einzelnen Bildpunkten. Sie sind in ein kompliziertes mehrlagiges Drahtgeflecht eingebettet. Michael Eberler sitzt an der Schnittstelle zwischen Entwicklung und Fertigung, und dieses "Schnittstellen-Dasein" fasziniert ihn an seinem Job am meisten. Der 31-jährige Fertigungstechniker überlegt sich zunächst bei jedem neuen Teil, welche Anforderungen an das Gerät gestellt werden, und legt dann den genauen Prüfprozess fest. Seine Ergebnisse werden in einem Bericht dokumentiert. "Die ganze Entstehung eines Bauteils muss nachvollzogen werden können", erklärt er, "wenn es ein Problem gibt, bin ich die Feuerwehr." Keines der jährlich rund 600 MR-Geräte verlässt die Werkshallen von Siemens in Erlangen ohne die Prüfung.