Nordkarelien im Winter. Eine endlose Schneelandschaft rund 450 Kilometer nordöstlich von Helsinki. Schnee und Frost formen Kiefern zu Skulpturen. Immer wieder öffnet sich der Wald zu gleißenden Lichtungen - zugefrorene Seen. Fast 1000 Kilometer Loipen durchqueren das verschneite Hügelland. Skilanglaufen ist der populärste Wintersport, Schneeschuhwandern der einfachste. Nur - der ungewohnte Wanderschritt ist anstrengend: Nach einem Kilometer wird der Anorak lästig. Nach weiteren zwei Kilometern könnte auch der dünne Extrapulli im Rucksack verschwinden. Und abends zwickt es in der Leistengegend.

Die Wanderung führt nach Petäiskylä, wo uns Gitarrenbauer Markku in seiner Holzwerkstatt erwartet. Pferdeschwanz, Bärtchen, Jacquardpullover - der blonde Finne könnte als verschollener Spross der Kelly-Familie durchgehen. Marrku will sein handwerkliches Können weitergeben. Aber nicht an Gitarrenbauer, sondern an Greenhorns, die ihre Schneeschuhe aus Plastik gegen selbst gebaute Indianer-Schneeschuhe tauschen wollen.

Alles liegt fein säuberlich bereit: lange Eschenleisten, Birkenholz für die stabilen Stegverbindungen zwischen den Leisten, Lederschnüre. Über dem offenen Feuer im Hof ragt ein zwei Meter langes Metallrohr in die Luft. Es ist gefüllt mit 80 Liter Wasser. Da schiebt Marrku die Eschenleisten hinein. Nach einer Stunde sind sie weich genug, um sie in Schneeschuhform zu biegen. Ein Kunststück, das gerade mal eine Minute dauert: Konzentriert steckt Marrku die Leisten in eine hölzerne Spannvorrichtung, zügig nimmt er die Enden der Leisten, biegt sie vorsichtig und mit viel Druck um einen abgerundeten Holzblock und hält schließlich die Spannung am anderen Ende mit einem Ring. Das Schwierigste ist geschafft. Die mühsame Handarbeit aber steht noch bevor. Später. Das Holz muss erst einmal trocknen.

Draußen vor dem Küchenfenster türmt sich der Schnee. Er liegt in Nordkarelien von November bis April. Gegen winterliche Langeweile helfen ungewöhnliche Sportarten. Tiefschneefußball zum Beispiel. »Nach fünf Minuten bist du halb tot«, erklärt Markku. Gespielt wird zweimal 15 Minuten, jede Mannschaft darf so oft einwechseln, wie sie will. Schließlich gibt es noch Kyykkä, eine gewagte Mischung aus Kegeln und Baseball. Und Eislochangeln.

Wir sind gerade zur rechten Zeit nach Nordkarelien gekommen, um auf dem Pielinen-See den diesjährigen Wettbewerb der Eislochangler zu verfolgen. 50 Finninnen und Finnen schweigen ihr Eisloch an, wippen geduldig mit der Angel und beobachten, ob sich die hauchdünne Nylonleine spannt. Glück haben die wenigsten: »Ich fürchte, so nah am Ufer gibt es kaum Fische«, sagt einer, der ein Ferienhaus direkt am See besitzt. Doch eine Konkurrentin ein paar Meter weiter scheint den Bogen raus zu haben. Mit ihrer selbst gebastelten Angel holt sie im Fünfminutenrhythmus Makrelen aus dem See.

Schwiegersöhne im Saunatest

Selbst ins Eisloch? Niemals. Das ist halb so wild, beruhigt Liisa in der Rauchsauna. »In Finnland werden die Schwiegersöhne in der Sauna getestet«, erzählt sie und behauptet, dass ihr Mann bei 140 Grad gegen ihren Vater antreten musste. Ein letzter Aufguss, dann gibt es keinen Aufschub mehr. Hinein in die dicken Socken, hinaus in den Schnee. Ganz schnell flitzen, Socken aus und ab ins Eiswasser.