Das sensationelle Abschneiden der Schill-Partei bei den Hamburger Landtagswahlen hat Aufmerksamkeit auf die Frage gelenkt, welche Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung geeignet sind. Juristen, Kriminologen, Soziologen und Pädagogen führen bislang die Diskussion - Ökonomen werden hingegen kaum einbezogen. Dies erstaunt, weil rund 61 Prozent der gemeldeten Straftaten Diebstähle, Unterschlagung und Betrug sind. Diesen und weiteren Straftaten wie zum Beispiel Teilen der Drogenkriminalität liegt offensichtlich ein ökonomisches Kalkül zugrunde. Auch haben die Schäden der Opfer allein aus Diebstählen, Wohnungseinbrüchen und Kraftfahrzeugaufbrüchen, aus Raub, Veruntreuungen und anderen Wirtschaftsvergehen mit 19,5 Milliarden Mark im Jahr 2000 erhebliche wirtschaftliche Relevanz. Körperliche und seelische Schädigungen, Verdienstausfälle der Opfer und die Kosten des Gesundheitswesens sind ebenso wenig mitgerechnet wie der Vermeidungsaufwand in Form von Alarmanlagen, Safes und privaten Wachdiensten.

Maßnahmen zur Verringerung der Kriminalität würden also zu durchaus geldlich bewertbaren zusätzlichen Nutzen führen; allerdings sind sie auch mit zusätzlichen Kosten verbunden. Die Kosten von Maßnahmen wie einer intensivierten Arbeitsmarktpolitik, der Ausweitung der Polizeidienste und Staatsanwaltschaften, der Gerichtsbarkeit, des Strafvollzugs und der Bewährungshilfen sind meist einfach kalkulierbar. Schwieriger ist dies beispielsweise bei den Bestrafungskosten, zu denen auch der Einkommensverlust der Verurteilten nach der Haft zählt. Aufgrund von Stigmatisierungen und möglichen Qualifikationslücken sind ehemalige Häftlinge in den Folgejahren weniger beschäftigt als Nichtkriminelle - in den USA um 25 Prozent.

Aus der Kosten-Nutzen-Gegenüberstellung folgt eine erste ökonomische Empfehlung: Die zusätzlichen Kosten einer verstärkten Kriminalitätsbekämpfung dürfen deren zusätzlichen Nutzen nicht übersteigen. Hieraus ergibt sich ein eindeutiges Optimum an Kriminalität, das in der Regel nicht bei null liegt - dafür fallen im Allgemeinen (zu) hohe Kosten der Vermeidung und Bestrafung an. Aus ökonomischer Sicht ist ein bestimmtes Maß an Kriminalität effizient - oder: tolerierbar.

Auch zur optimalen Zusammensetzung der Maßnahmen sind ökonomische Aussagen möglich: Formal gesehen sind sie so einzusetzen, dass das Verhältnis der zusätzlichen Nutzen der jeweiligen Maßnahme zu deren jeweiligen zusätzlichen Kosten für alle Maßnahmen identisch ist. Selbst wenn also beispielsweise eine Maßnahme doppelt so wirksam ist wie eine andere, darf sie nur so lange eingesetzt werden, wie sie nicht mehr als das Doppelte der anderen Maßnahme kostet.

Diese Regeln können die Debatte um die richtige Kriminalitätsbekämpfung entschärfen. Bislang wird von den Beteiligten jedoch zumeist mit der empirischen Wirksamkeit oder Unwirksamkeit einzelner Maßnahmen argumentiert, ohne einen Vergleich mit anderen, ebenfalls möglichen Maßnahmen vorzunehmen. Eine Relativierung der Maßnahmen anhand der Kosten fehlt allemal.

Empirisch eindeutig scheint immerhin, dass jede Straftatart unterschiedlich zu behandeln ist. So ist die Strafverschärfung bei Schwerverbrechen weniger, eine erhöhte Bestrafungswahrscheinlichkeit hingegen äußerst sinnvoll: Für Schwerverbrecher ist es im Zweifelsfall "egal", ob sie zu 15 oder 20 Jahren Zuchthaus verurteilt werden. Bei Triebtaten wie Vergewaltigungen sind beide Instrumente kaum, für Eigentumsdelikte hingegen deutlich wirksam.

Auch ist ein gewisser Konsens vorhanden, dass zunehmende Arbeitslosigkeit die Kriminalität verschärft. In einer amerikanischen Überblicksstudie ist der Zusammenhang bei 48 Prozent der untersuchten 42 empirischen Arbeiten signifikant positiv. Bei 41 Prozent war der Zusammenhang ebenfalls positiv, jedoch nicht signifikant. Theoretisch führt auch eine ungleichere Verteilung zu steigender Kriminalität. Allerdings ist dieser Zusammenhang empirisch nur schwach. Im Vergleich mit den Maßnahmen einer verschärften Bestrafung und erhöhten Entdeckungswahrscheinlichkeit hat die Arbeitsmarkt- und Umverteilungspolitik übrigens einen schwächeren Effekt. Beide Maßnahmen verursachen hohe Kosten, unter dem Aspekt der Kriminalitätsbekämpfung ist ihre Effizienz aber kaum belegt.