Als im Prestel-Verlag 1990 der reich illustrierte Katalog zu den Fürstenbergschen Gemäldesammlungen in Donaueschingen erschien, hatte ihm Joachim Egon Fürst zu Fürstenberg folgendes Geleitwort gegeben: "Mit Genugtuung kann vermerkt werden, daß mit ihm nicht nur die langen Traditionen meiner Familie erfüllt und fortgesetzt werden. Es ist mein Wunsch, daß die Besucher der Donaueschinger Sammlungen ihn nutzen, um die reichhaltigen Bestände besser kennenzulernen, zu verstehen und dann in anregender Erinnerung zu behalten."

Erinnerung ist nun das, was elf Jahre später bleibt, denn mit dem Kennenlernen ist es auf unbestimmte Zeit oder möglicherweise für immer aus. Die 74 Tafeln altdeutscher und schweizerischer Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts, darunter Werke von Hans Holbein dem Älteren, Lucas Cranach dem Älteren und der unvergleichliche Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch, sind seit Mitte November dem Blick der Öffentlichkeit entzogen.

Der neue Weg: Weg mit dem Alten

Heimlich wurden die Porträts, Heiligendarstellungen und Altartafeln verpackt und ins Rheinland befördert. Das fürstliche Museum in dem 1869 entstandenen Karlsbau ist seitdem geschlossen. Auch wenn es nicht gerade im Zentrum des Kunsttourismus lag, hatte es doch seinen besonderen Charme in dem romantischen Bildungsideal, das in der Verbindung von Kunstwerken mit den geologischen, paläontologischen, mineralogischen und zoologischen Schaustücken der verbliebenen naturkundlichen Sammlungen zur Anschauung kam. Zu den Attraktionen gehörten auch die heitere Innigkeit der an einen Pfahl gebundenen Heiligen Afra des Meisters von Meßkirch, die kraftvollen Luther- und Melanchthon-Porträts von Lucas Cranach sowie die seit 1844 zur Sammlung gehörige Geburt Christi von Hans Holbein dem Älteren.

Nun jedoch soll nach einer Presseerklärung des Fürstenhauses "eine neuer Weg" eingeschlagen werden. Mit zeitgenössischer Kunst der Achtziger und Neunziger will man die Zahl der Besucher erhöhen, die bisher bei rund zehntausend im Jahr stagnierte. Ein nicht genannter Sammler sei bereit, die verwaisten Altmeisterkabinette mit Werken von Damien Hirst, Jeff Koons, Rosemarie Trockel und Fotos der Szenestars Andreas Gursky, Cindy Sherman und Wolfgang Tillmans aufzupeppen. Die Neueröffnung ist für Anfang Juni vorgesehen. So weit, so offiziell und sehr fragwürdig.

Denn mit dem angekündigten Auftritt zeitgenössischer Kunst von der Art, wie man sie derzeit landauf, landab in privaten und öffentlichen Museen vorgesetzt bekommt, verknüpft sich die Sorge, die seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts im Familienbesitz befindlichen Gemälde könnten verkauft werden. Im Zusammenhang gesehen, ist diese Vermutung nicht ganz abwegig. Denn die hochadlige Familie mit einem geschätzten Vermögen von über einer Milliarde Mark, Besitzer des zweitgrößten Waldgebiets Deutschlands, von Ländereien in Nordamerika sowie der am Ort ansässigen Fürstenberg Brauerei (Werbeslogan: "Tradition verpflichtet"), versilbert seit Beginn der achtziger Jahre nach und nach ihre Kulturgüter.

Den Anfang machten 1982 die 20 mittelalterlichen illuminierten Handschriften, die bei Sotheby's 4,4 Millionen Mark brachten. Das war, ganz nebenbei, kein gutes Geschäft, weder für den Fürsten noch etwa für den Freistaat Bayern, der ein Jahr später von einem New Yorker Antiquar das Sakramentar des Augsburger Doms für zwei Millionen Mark und damit für fast das Doppelte des Auktionspreises zurückkaufte. Und ein karolingisches Pontifikale, für 100 000 Pfund zugeschlagen, erreichte wenige Jahre später den sechsfachen Preis.