Sanaa

Kinderreichtum gilt im Jemen als Segen. Das hat auch Edmund J. Hull erkannt, und deswegen prahlt der Amerikaner öffentlich damit, zehn Geschwister zu haben, mit denen er irgendwo in Illinois aufgewachsen ist. Jeder Europäer würde ihn milde belächeln und sich insgeheim fragen, ob man in der amerikanischen Provinz noch nichts von Verhütungsmitteln gehört habe. Aber hier im Jemen kommt das Bekenntnis zur Großfamilie an.

Edmund Hull will gut Wetter machen. Er ist amerikanischer Botschafter im Jemen, einem strategisch wichtigen Land. Spätestens seit dem Golfkrieg vor zehn Jahren hat die Supermacht Probleme, den Jemeniten ihre Politik zu verkaufen; der "Krieg gegen den Terrorismus" macht es nicht leichter. Deswegen findet Hull in einem Redaktionsgespräch bei der Yemen Times in der Hauptstadt Sanaa nur gute Worte über die Jemeniten und ihr schönes Land. Das Wort "Terrorismus" nimmt er nicht in den Mund. Doch hinter den Kulissen haben die Amerikaner in den vergangenen Wochen enormen Druck auf die jemenitische Regierung ausgeübt, besser mit CIA und FBI zu kooperieren. Direkt nach dem 11. September kursierten gar Gerüchte, der Jemen könnte Ziel amerikanischer Vergeltungsschläge werden. So weit ist es zwar nicht gekommen. Aber ähnlich wie Somalia und der Sudan gerät auch das Land im Süden der arabischen Halbinsel immer stärker ins Fadenkreuz der amerikanischen Fahnder. Laut New York Times soll es in den unwegsamen Bergregionen des Jemen immer noch Militärcamps von Al-Qaida geben. Außerdem ist bis heute nicht geklärt, ob jemenitische Islamisten an dem Anschlag auf das amerikanische Kriegsschiff USS Cole im Hafen von Aden im Oktober 2000 beteiligt waren.

Zudem kritisieren die Amerikaner, in vielen Moscheen im Lande werde ein Islam gepredigt, der zu Gewalt und Hass gegen den Westen aufrufe. Das müsse sich ändern.

Auch Jemeniten selbst beklagen die Ausbreitung des wahhabitischen Islams in ihrem Land, der eine Kultur der Intoleranz verbreite und die Menschen gegen Freidenker aufhetze. Wie so viele Regierungen im Nahen Osten hat auch Präsident Ali Abdallah Salih lange Zeit den Islamisten große Freiräume gelassen, um sie gegen die linke Opposition einzusetzen. Das könnte sich jetzt rächen.

Jeden Freitagmittag, wenn in Jemens Hauptstadt Sanaa die Imame ihre Predigten beginnen, möchte sich Mohammed Scharafi am liebsten die Ohren zuhalten. "Ich gehe seit Jahren nicht mehr in die Moschee. Dort wird ein traditioneller Islam gepredigt, der mit der heutigen Zeit nicht viel zu tun hat." Scharafi ist Mitte 50, hat in England studiert und lehrt Psychologie an einer Universität in Sanaa. Sein Unmut über die Freitagsprediger wäre nicht weiter verwunderlich, wenn er seinen Glauben nicht so ernst nähme. Er betet fünfmal am Tag, fastet im Ramadan und erfüllt auch sonst alle Pflichten, die einem Muslim auferlegt sind. Gleichwohl ist es sein Traum, den Islam zu erneuern und die problematischen Stellen in den Heiligen Schriften so umzudeuten, dass sie niemand mehr für seine politischen Zwecke missbrauchen kann. "Die Verse des Koran sind heilig", sagt er. "Daran gibt es keinen Zweifel. Aber wir müssen den Koran aus der heutigen Perspektive lesen, so, dass er mit Demokratie, Freiheit und Menschenrechten in Einklang zu bringen ist."

Scharafi will mit seiner modernen Koran-Deutung nicht den Westen beeindrucken. Ihm geht es um die Zukunft seines eigenen Landes. Ansonsten würden über kurz oder lang gewaltbereite Islamisten das Ruder übernehmen, fürchtet er. "Die Menschen glauben, dass die jetzige Regierung viel zu lange an der Macht ist. Sie wollen eine Veränderung. Aber die einzige Alternative zum gegenwärtigen Regime sind die Islamisten, besonders jetzt, wo sich die Menschen durch den Westen unterdrückt fühlen." Präsident Salih spürt den Atem der Islamisten im Nacken. Seit einiger Zeit versucht er deswegen, ihren Einfluss auf Bildung und Wissenschaft zu mindern. Zumindest bemüht er sich. So hat er 1994 das Institut für Geistliche Anleitung ins Leben gerufen, an dem Religionslehrer und Imame ausgebildet werden. Sie sollen helfen, einen "gemäßigten Islam" im Land zu verbreiten. In diesem Herbst nahm das Institut erstmals auch Frauen in seine Reihen auf.