Im Jahre 1801, 100 Jahre vor Horváth, kam ein anderer österreichischer Dichter auf die Welt: Johann Nepomuk Nestroy. So überpurzeln sich die Österreicher derzeit in Gedenktagen. Zugegeben, es bedarf eines erweiterten Österreichbegriffs, um Horváth einzugemeinden, aber so ein Begriff steht ja zur Verfügung. Horváth selbst wendet ihn in einer autobiografischen Notiz von 1929 auf sich an: "Ich bin eine typisch alt-österreichisch-ungarische Mischung: magyarisch, kroatisch, deutsch, tschechisch."

Die Monarchisten werden keine Freude haben, denn in derselben Notiz wird Horváth forsch: "Ich weine dem alten Österreich-Ungarn keine Träne nach. Was morsch ist, soll zusammenbrechen, und wäre ich morsch, würde ich selbst zusammenbrechen, und ich glaube, ich würde mir keine Träne nachweinen."

Das hat etwas von einem Nestroyschen Paradox. Es gibt zum Beispiel eine Bühnenfigur bei Nestroy, einen gewissen Gottlieb, der gerade Hand an sich legen will und der dabei räsonierend die Meinung der vielen zu widerlegen trachtet, der Selbstmord wäre eine Feigheit: "Sie sollen's erst probieren, nachher sollen's reden." Außerdem frage ich mich, wenn jemand morsch ist, dann bricht er vielleicht zusammen, aber einer, der sich selbst keine Träne nachweint, der kann so morsch nicht gewesen sein. Wer tränenlos dem eigenen Fall zusehen kann, kann vielleicht gar nicht fallen.

Ich tue hier etwas, was dem Literaturwissenschaftler Klaus Kastberger, der in der Österreichischen Nationalbibliothek Ödön von Horváths Nachlass betreut, nicht recht sein kann. Kastberger hat Himmelwärts und andere Prosa aus dem Nachlaß herausgegeben, und bei der Präsentation dieses Suhrkamp-Taschenbuches hat er das Leid eines österreichischen Literaturwissenschaftlers geklagt: Die Literaturwissenschaft würde noch Jahre zu tun haben, um nach der Koinzidenz der Gedenktage Nestroy und Horváth "auseinander zu klauben". Selbst Schmidt-Dengler, Kastbergers Chef am Literaturarchiv der Nationalbibliothek, beendet seine jüngst erschienene Nestroy-Studie mit einem Horváth-Zitat, das in keinem nennenswerten Buch über Nestroy fehlen darf: "Gott, was sind das für Zeiten!", schrieb Horvath. "Die Welt ist voller Unruhe, alles drunter und drüber, und noch weiß man nichts Gewisses. Man müsste ein Nestroy sein, um all das definieren zu können, was einem undefiniert im Wege steht!"

Himmelwärts ist ein Romanfragment Horváths. "Romantischer Roman" lautet die vom Dichter selbst verliehene Gattungsbezeichnung. Himmelwärts ziehen ein paar Säufer, die durch "ein Wunder" zu Geld gekommen sind. Sie treiben über das Meer auf einem Schiff, das voll geladen ist: mit ihnen selbst und mit Getränken. Das Idyll wird gestört, als sie einmal landen und auf einer Insel einem eventuellen Konkurrenztrinker begegnen. Sollen sie ihn mitnehmen oder ausgesetzt lassen? Mitnehmen ist Menschenpflicht, aber Ausgesetztlassen ist klüger, denn der Mensch sauft einem am Schluss die Vorräte weg ...

In seinem Kommentar hebt Kastberger einen Text von 20 Zeilen hervor - Marianne oder: Das Verwesen. Eine Novelle. Literaturwissenschaftlich kann man schon am Namen "Marianne" erkennen, hier konzipiert Horváth eine seiner späteren Frauenfiguren. "Das Verwesen" in 20 Zeilen ist für mich auch ein Zeugnis für das Umschlagen einer gesellschaftskritischen Skepsis in einen anthropologischen Pessimismus. Die Bitterkeit gilt nicht mehr den Verhältnissen allein, sondern der conditio humana schlechthin: Wenn der Mensch verwest, dann ist er von Nutzen: "Die Verwesung gebärt neues Leben." Auf den Gräbern blühen die Blumen. Aber Marianne verwest zu ihren Lebzeiten. Die Diagnose lautet: Demenz. Der Ich-Erzähler hatte einst ein Verhältnis mit Marianne. "Sie war nervös, und einmal hatte ich sie verprügelt." Nach drei Jahren sah er sie wieder: "Sie wusch sich nicht mehr, roch übel aus dem Munde, stank nach Schwein ..." Es ist die Entmenschung durch Krankheit, also der Tod bei lebendigem Leib. "Sie starb vor drei Jahren. An ihren Tod kann er sich nicht genau erinnern."

Horváth ist 1938 im Pariser Exil von einem Ast erschlagen worden. Alle, so der göttliche Kabarettist Hader, denken an Horváth, aber wer kümmert sich um den Ast? Auch nicht von schlechten Eltern sind ein paar anspielende Zeilen Martin Walsers: "Das Land liegt ruhig, fest ist das Fernsehen / in der Hand der Ruhe und Ordnung / überall wird über Bäume gesprochen, aber / der Horváth gestern war schön bös." Ja, wer den Schaden hat, der braucht - über den Tod hinaus - für den Spott nicht zu sorgen.