Inder und Pakistanis ziehen an ihrer Grenze Truppen zusammen, bringen Raketen in Stellung, räumen Dörfer und schließen Märkte. An der Line of Control in dem seit einem halben Jahrhundert geteilten Kaschmir liefern sie sich erbitterte Artilleriegefechte. Das Botschaftspersonal ist halbiert worden. Delhi hat den Luftraum für pakistanische Flugzeuge gesperrt, die Bahn- und Busverbindungen werden unterbrochen, der Handel wird beschränkt. Die traditionelle indische Militärparade am Tag der Armee im Januar wurde abgesagt. Wird aus der Krise ein Krieg?

Dreimal haben die beiden südasiatischen Nachbarländer schon miteinander gekämpft, seit sie vor 54 Jahren ihre Unabhängigkeit gewannen: 1947 bis 1949, 1965, 1971. Zweimal war Kaschmir der Auslöser. Dort glimmt jetzt aufs Neue die Lunte. Zwar beteuern beide Seiten, sie wollten keinen Krieg, aber die Nerven liegen blank. Die Weltgeschichte kennt viele Beispiele dafür, dass Staatsmänner den Krieg nicht wollten und doch in ihn hineinschlitterten.

Nervosität herrscht vor allem in Neu-Delhi. Seit Jahren schleust der pakistanische Geheimdienst ISI Hunderte, ja Tausende von dschihadis in den indischen Teil Kaschmirs, muslimische Kämpfer aus Afghanistan, Tschetschenien und den arabischen Ländern - derselbe Geheimdienst, der schon das Taliban-Regime gepäppelt hat. Diese dschihadis führen einen verbissenen Guerillafeldzug gegen die Inder und alle Einheimischen, die mit ihnen zusammenarbeiten. Dem Aufbegehren vieler Muslime, die Selbstbestimmung für Kaschmir wollen, fügt der Fanatismus dieser Gotteskrieger Züge eines Heiligen Krieges hinzu. So vermischt sich das Streben nach Eigenständigkeit - oder Anschluss an Pakistan - mit fundamentalistischem Kreuzzugseifer.

Indien regiert die Himalaya-Provinz mit harter Hand. Seit 1989 ist harsche Repression an der Tagesordnung; die Armee schlägt immer wieder zu. Im Laufe der Jahre hat es dabei mindestens 35 000, vielleicht sogar 85 000 Tote gegeben; die Schätzungen gehen weit auseinander. Doch gibt es Anhaltspunkte zuhauf, dass fundamentalistische pakistanische Geheimdienstler den Konflikt immer wieder ganz bewusst schüren und jeden Ansatz zur Verständigung zwischen den verfeindeten Nachbarn gezielt zunichte machen. So wird ihnen wohl nicht zu Unrecht die Auslösung der Kargil-Krise im Jahre 1999 zugeschrieben, die kurz nach der Versöhnungsbusfahrt des indischen Ministerpräsidenten Vajpayee nach Lahore den eben in Gang gekommenen Dialog rüde unterbrach.

Nach indischer Ansicht spricht auch alles dafür, dass Fundamentalisten in pakistanischen Diensten hinter dem Selbstmordattentat auf das Regionalparlament in Srinagar standen, bei dem es am 1. Oktober vergangenen Jahres 40 Tote gab. Der Zorn der Inder erreichte Siedehitze, als am 13. Dezember fünf pakistanische Staatsangehörige mit Plastiksprengstoff und Maschinenpistolen versuchten, das Zentralparlament in Delhi zu stürmen. Der dreiste Anschlag auf das Herz der indischen Demokratie, der 14 Menschen das Leben kostete, war der Auslöser der jüngsten Krise.

Säbelrasseln, Raketengefuchtel

Aber kommt es zum Krieg? Oder handelt es sich bei all dem Säbelrasseln und Raketengefuchtel der vergangenen Tage bloß um Muskelspiele, lediglich darauf angelegt, eine militärische Drohkulisse für die nächste Runde der Diplomatie aufzubauen?