Die Anderswelt des Autors Alban Herbst liegt irgendwo in einem Paralleluniversum der Zukunft. Sie besitzt, wegen der inzwischen erfolgten ökologischen Katastrophe, eine kleinere Kontinentalmasse, der Atlantik (Thetismeer) ist hoffnungslos verseucht, die europäische Regierung (Pontarlier) herrscht vom Westen her über eine riesige Stadt (Buenos Aires), die sich über ganz Mitteleuropa erstreckt; in den ökologisch zerstörten und sich selbst überlassenen Vorstädten (der Osten) treiben die ausgegrenzten Minoritäten, Sekten und Rebellen ihr Wesen, während künstliche Menschen (Holomorphe) im Untergrund um ihre Gleichberechtigung kämpfen.

So, in groben Zügen, kennt man die Anderswelt aus dem Roman Thetis, einem 900 Seiten starken Wälzer mit Universalanspruch, der bis zum Platzen gefüllt ist mit Einfällen, Trivialmythen, abendländischer Kulturgeschichte und einer tüchtigen, wenngleich sciencefictionalisierten Portion dessen, was man einst Sozialkritik nannte.

Nun liegt der zweite Band der geplanten Anderswelt-Trilogie vor, und siehe, er ist mit 270 Seiten vergleichsweise zierlich. Doch der Entwurf einer anderen Welt als Ergebnis schöpferischer oder auch empirischer Simulation ist deshalb nicht weniger großflächig ausgefallen. Fast alles, was im ersten Band eine Rolle spielte - politisch, geografisch, demografisch, mythologisch, ökonomisch et cetera-, wird als bekannt vorausgesetzt und en passant aufgegriffen. Dem angesichts der schieren Masse an Stoff zwangsläufig in Orientierungsnot geratenden Leser hilft ein Beilageheft (WurmVorsatz) mit den wichtigsten paar Dutzend andersweltlicher Personen und Begriffen beim Zurechtfinden.

In den Vordergrund rückt Herbst diesmal das Spiel mit Virtualität und Realität: sein Erzähler, der bereits bekannte Deters, Wanderer zwischen den Welten, Geschöpf und Schöpfer in einem, ist "so etwas wie eine fließende Variable", die das Verhältnis zwischen Identität, Raum, Zeit und Fiktion stets in der Schwebe hält.

Angelpunkt der Geschichte ist ein Lokal in Berlin-Mitte, von dem aus Deters bequem, wenn auch unversehens, per "Lappenschleuse" die Welten wechselt. Es gibt allerdings, wie sich nun herausstellt, nicht nur Welt und Anderswelt, Berlin und Buenos Aires, sondern auch noch "Garrafff", das sich als dritte mögliche Realität gelegentlich aus einem Zeichensalat im Fließtext manifestiert. So bekommt das von Herbst von jeher so geliebte Spiel mit dem Autor, der Henne und dem Ei eine neue Wendung: ein gewisser Herbst, Kybernetiker, sitzt an seinem Rechner und simuliert gemeinsam mit seinen Kollegen Welten und Wirklichkeiten, die, der eigenen abgekupfert, die Verwicklungen, Zu- und Abneigungen des Programmierpersonals ebenso widerspiegeln wie die Welt der Griechen den Olymp. Oder ist es umgekehrt? Wer da wessen Geschöpf und wer wessen kybernetisches Alter Ego, wird im Hin und Her der Welten langsam unwichtig. Zumal die Figuren dazu neigen, als "Atavare" die Parallelwelt zu infiltrieren.

Dem Menschen als Romanfigur entspricht die Romanfigur als Datensatz; und der Erzähler als Kybernetiker, Nachfolger des allwissenden Erzählers im Zeitalter der Virtualität, generiert die Welt - Wirtschaftsdaten, sexuelle Gepflogenheiten, Topografie - auf der Festplatte, die von den darauf herumwuselnden Datensätzen für eine stabile Realität gehalten wird. "Offenbar hatten wir die kybernetischen Welten nicht geschaffen, sondern es schien sie immer schon, zugleich und neben der Realität, gegeben zu haben; wir hatten lediglich den - oder einen - Zugangscode gefunden. Theoretisch mussten also auch wir sie betreten und mit ihnen verschmelzen können."

An Einfällen mangelt es nicht