Man könnte diese Preisverleihung als merkwürdig, auf jeden Fall vorschnell empfinden: Der Euro ist noch nicht einmal da - schon wird er hoch dekoriert: eine Frühgeburt sozusagen.

Indessen kann man der preisverleihenden Stadt nicht vorwerfen, dass sie uns nicht beizeiten auf Überraschungen vorbereitet hätte. Das begann schon mit dem Namengeber: Kaiser Karl, den so genannten Großen, den Sachsenschlächter, hätte man nicht unbedingt als guten Europäer verbucht. Immerhin stellt sich, von heute aus gesehen, die Verleihung an die Europäische Kommission 1969 als vorbereitende Maßnahme für den Euro-Preis dar.

Von einer Institution zu einer Währung ist es freilich ein Schritt, der dem Ethikrat vorab die Frage stellt, an wen genau er sich denn richten solle. Die Preisverleiher kommen uns zwar zu Hilfe, indem sie Wim Duisenberg, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, gleichsam als Stellvertreter Gottes auf Erden, wir wollten sagen: des Euro in Aachen, Urkunde und Scheck in die Hände drücken werden. Aber dieser Stellvertreter ist nun einmal nicht gemeint, sondern eben Er, der Euro, oder richtiger: Sie, die Währung, oder noch richtiger: Es, das Geld.

Gesetzt den Fall aber, dass wir den Euro höchstpersönlich anredeten, wie es Dichter gegenüber Dingen oder Tieren manchmal tun - "O Du Euro, du" würde wohl ihr Verslein lauten -, so wüssten wir immer noch nicht, in welcher Form er den Preis entgegennehmen wird: ganz und rund oder eurohaft halbiert. Denn bisher war der Karlspreis mit satten 5000 Deutschen Mark dotiert. Nun aber dürften dem Euro, wenn wir richtig rechnen, 2556 Euro und 46 Cent in die Hand gedrückt werden. Er scheint eine ganz unrunde Sache zu sein.

Gesetzt den Fall schließlich aber auch, dass wir ihm ganz und ungeteilt unseren Rat geben könnten - in welchem Sinn und mit welcher Tendenz sollten wir das tun? Denn es ist doch sehr die Frage, ob er mehr als seine Vorgänger für einen ethischen Rat empfänglich ist. Dafür gibt es bisher kaum Anzeichen.

Vielleicht versteht der Euro allerdings gerade deswegen den Namengeber eines anderen Karlspreises umso besser, der lange vor ihm und dem Aachener Preis im - europäisch gesehen - fast benachbarten Trier geboren wurde: Karl Marx. Der hatte zwar in seiner Frühphase, wo er noch wie ein Ethikrat dachte, scharf zwischen "Preis" und "Würde" unterschieden und zumal die "persönliche Würde" auf das strengste gegen den "Tauschwert" ausgespielt. Und er hatte noch nicht den Euro vorliegen, sondern neben allerlei europäischem Kleingeld den amerikanischen Dollar mit seinem aufgedruckten Gottvertrauen: "In God we trust" - sozusagen den God-Dollar.

Ausgerechnet von dem aber lernte der besagte andere Karl im Zuge seiner Studien dasjenige genauer, vor allem kühler zu entziffern, was er den "Fetischcharakter" der Ware und des Geldes nannte. Und seine Formel dafür gestattet nun endlich auch uns, sein wahres Wesen zu verstehen und ihm dazu Glück zu wünschen. Denn er ist nichts Geringeres als "ein sinnlich-übersinnliches Ding".