Wann genau dieser Prozess der Enttäuschung begann, ist schwer zu bestimmen. Mit dem 11. September hat er jedenfalls nichts zu tun. Die Zweifel, dass Gerhard Schröder in der Lage ist, sein Versprechen von "Gerechtigkeit und Innovation" aus dem Wahlkampf 98 einzulösen, hatten eher eingesetzt. Schon bevor Amerikas Konjunktur einbrach, schon bevor die deutschen Wirtschafts- und Arbeitsmarktprognosen sich verdüstert und bevor die internationalen Verwicklungen seit den Terroranschlägen in Amerika den Kanzler in die Weltpolitik entführten.

Die Skepsis ist nicht neu, aber auf einmal deutlich spürbar. Zu Beginn des Wahljahres stehen überall da, wo das politische Gespräch von den Perspektiven der rot-grünen Koalition handelt, mehrere Fragen im Mittelpunkt: Lohnt dieses Reformexperiment eine Fortsetzung? Worin besteht die besondere Qualität dieser Regierung in Zeiten steigender Unsicherheit? Was meint Schröder mit Innovation? Hat der Kanzler, der als Kopf der sozialdemokratischen Modernisierer galt, eine Idee von der Zukunft? Eine Vision?

Die Sache mit der Vision

Visionen braucht er nicht, sagt der Kanzler. Schröder bevorzugt das Konkrete. Politik zum Anfassen. In der Tat, würde er plötzlich in die Rolle des politischen Wegweisers schlüpfen, dann geriete er vermutlich in eine Glaubwürdigkeitslücke. So bleibt er bei seinen Leisten, konzentriert sich auf Konsensherstellung und Machttechnik. Die Balance zwischen Wünschbarem und Machbarem ist Schröders Akt. "Wer Visionen hat, soll einen Arzt aufsuchen." Dieser Satz, vom Dramatiker Thomas Bernhard (Heldenplatz) einem Österreicher zugeschrieben, könnte von Schröder sein. Modernisierer müssen nicht so sein. Aber sie sind gern so. Sie verstehen ihre Arbeit in erster Linie als organisatorisches und ökonomisches Projekt. Als was denn sonst, bitte sehr (würden Modernisierer sagen)! Worum geht's schließlich bei der Modernisierung? Um Jobs, Jobs, Jobs. Einmal mehr mit Bill Clinton, dem Meister der Wahlkämpfe, gesprochen: "It's the economy, stupid!" (Auf die Wirtschaft kommt's an, Blödmann!).

Aber was ist, wenn das so gar nicht mehr gilt? Wenn den Bürgern eine überschaubare ökonomische Zukunft zwar am Herzen liegt, sie zugleich aber wissen, dass die Möglichkeit ihrer Regierung, die Weltwirtschaft zu beeinflussen, vergleichsweise gering ist? Wenn der Wandel zum Prinzip wird, was werden sie von ihrer Regierung erwarten?

Interessanterweise ist es einer der wichtigsten Wahlkampfberater Clintons, der vielseitige Dick Morris, der von einer Renaissance der Werte berichtet. Westliche Wähler seien im Begriff, so schreibt Morris in einem neuen Buch über sozialdemokratische Modernisierungskonzepte, sich vom quantitativen Denken zu entfernen, auch in der Politik. (Der rasende Tanker, herausgegeben von Matthias Machnig und Hans-Peter Bartels, Steidl-Verlag.) Sie hätten begriffen, dass in Demokratien die Politiker am wenigsten in der Lage seien, gerade ökonomische Versprechungen einzuhalten. Umso wichtiger seien ihnen Themen wie Bildung, Umwelt, Energie und natürlich auch Zuwanderung und Schutz vor Kriminalität. Die Linke, so Morris, müsse sich dieser Themen offensiv bemächtigen, auch solcher, die gemeinhin als "konservativ" gälten. Sie müsse die geeignete Sprache dafür finden, eine Sprache der Werte, nicht des Managements und der Betriebswirtschaft. Klingt plausibel. Die Durchsetzung von Veränderungen - und des eigenen Machtanspruchs bei Wahlen - ist schließlich eine Frage der Kommunikation.

Kann man das lernen? Zum Beispiel einer wie Schröder, kein Mann, der die "Sprache der Werte" spricht: Könnte er's? Kein Problem, meint Morris und erzählt aus der Werkstatt: "Clinton war mit der Sprache der Werte so wenig vertraut, dass ein Stab, der ihn in solche Begriffe einführte, das Vorhaben mit den Worten beschrieb: ‰Wir bringen dem Präsidenten Italienisch bei.' Der Aufgabe war er aber gewachsen, und die neue Sprache leistete ihm gute politische Dienste." Sollte Schröder im Wahljahr Englisch lernen?