Die "Halbwertszeit" ist kaum noch wiederzuerkennen. Eine große Koalition von Begriffsjongleuren hat ihr in den letzten Jahren die Substanz ausgetrieben und ein windiges Duplikat der physikalischen Größe in Umlauf gebracht, die um 1900 zur Beschreibung der radioaktiven Zerfallsprozesse eingeführt wurde.

Nahezu allem und jedem wird mittlerweile ein solcher Zerfall zugeschrieben. So ist die Rede von Halbwertszeiten von Software, von Berufen, Kunstwerken und Denkmälern, von Begriffen, Musikhits und Szeneclubs, von öffentlicher Erregung, Fußballtrainern und sogar von Regierungen.

All dies, suggeriert das modische Halbwerts-Gerede, altere immer rascher und unterliege zunehmendem Verschleiß. Gern wird in diesem Zusammenhang etwa eine "dramatische Verkürzung der Halbwertszeit" beschworen, eine Redewendung, die schon Anfang der neunziger Jahre auftauchte. Das war noch vor der sogenannten "Internet-Revolution". Seitdem, so glauben selbst Medienexperten wie der Verleger Hubert Burda, "verändert sich die Halbwertszeit des Wissens fast monatlich". Kein Wunder, dass inzwischen sogar schon über "Wissen ohne Halbwertszeit" geklagt wird.

Solche alarmierenden Meldungen klingen angesichts der vermuteten Beschleunigung des modernen Lebens plausibel, tatsächlich sind sie aber unbegründet, unsinnig oder schlicht falsch. Die "Halbwertszeit des Wissens" lässt sich etwa schon deshalb nicht feststellen, weil "Wissen" nicht quantifizierbar ist; und auch die sonst noch bemühten Halbwertszeiten sind reine Schimären - nur so dahinfantasiert.

Daten gibt es nur über die Halbwertszeit von wissenschaftlichen Publikationen, gemessen an deren Zitierhäufigkeit. Sie allein begründeten den Transfer des physikalischen Begriffs in die Informationswissenschaft (siehe Kasten). Die bisher ermittelten Werte - etwa für einzelne wissenschaftliche Disziplinen und Zeitschriften - lieferten bisher aber nur Momentaufnahmen, aus denen sich keine Trends ableiten lassen.

Von diesem weißen Fleck auf der Landkarte des Wissens hat sich Werner Marx von der Informationsvermittlungsstelle des Max-Planck-Instituts für Festkörperphysik in Stuttgart anspornen lassen. Er untersuchte vor kurzem erstmals die Altersverteilung aller Publikationen, die in Veröffentlichungen der Max-Planck-Gesellschaft zwischen 1979 und 1999 zitiert wurden. Die so ermittelte Halbwertszeit wissenschaftlicher Publikationen, so sein überraschender Befund, wurde in diesen 20 Jahren allerdings nicht etwa kürzer, sondern verlängerte sich!

Sind also die Warnungen vor einer dramatischen Wissenserosion damit widerlegt, nimmt die Lebensdauer wissenschaftlicher Befunde sogar eher zu? Auch dieser simple Schluss wäre leichtfertig. Denn die Messung der Zitierhäufigkeit ist eine komplizierte Wissenschaft, deren Ergebnisse nicht vorschnell verallgemeinert werden dürfen.