Auf den ersten Blick sitzt das Klischee perfekt: Bernhard Kegel war einer von denen, die mit 15 durch den Wald streifen, Käfer unter Steinen hervorklauben, um dann nachmittagelang über das Binokular gebeugt zu prüfen, ob dieser oder jener Bruder aus der Sippe der Hexapoden über eine Borste in der dritten Flügelrippe verfügt oder nicht. Wer nun allerdings glaubt, über Bernhard Kegel Bescheid zu wissen, täuscht sich.

Merkwürdig klein, fast wie ein Schülerpult, wirkt der Tisch des Autors neben den Percussions auf der Bühne des Soda Salons. Ohne den Blick vom Manuskript zu heben, wippt Bernhard Kegels Oberkörper im Rhythmus der Drums. Kegel liest:

"Männer, die von ihren Frauen getrennt waren, ejakulieren eine weit größere Spermienmenge, als wenn sie sie von morgens bis abends unter Beobachtung hatten (...) und manche Forscher sind der Ansicht, dass ein großer Teil, vielleicht neunundneunzig Prozent dieser geschwänzten Schwimmzellen, nicht das Ziel haben, eine Eizelle zu finden. Es sind Blockierer, die fremden Spermien in den feinen Kanälchen des Cervix-Schleims den Weg verstellen sollen, und es sind Killer, sogenannte Soldaten- oder Kamikaze-Spermien. Ihre Aufgabe: search and destroy, fremde Samenzellen aufspüren, sie immobilisieren oder zerstören."

Einige Zuschauer versenken bei dieser Passage den Blick ins Glas oder rutschen unbehaglich auf ihren Sesseln. "Das ist das literarische Publikum", sagt Kegel, "viele Alt-68er, die halten es nur schwer aus, etwas nicht beeinflussen zu können." Aber Killerspermien im Hodensack und eine Ehefrau an der Seite, die im Auftrag der Evolution gar nicht anders kann, als gelegentlich in fremden Genpools zu fischen, widerstreben nicht nur den Verfechtern selbstbestimmten Lebens, sondern auch den Wissenschaftsgläubigen im Publikum.

Beiden werden in Sexy Sons, Bernhard Kegels neuem Roman, die Grenzen aufgezeigt. Es geht um jenes gerade beginnende Zeitalter, in dem der Mensch anfängt, sich massiv in die Evolution einzumischen. Dem Zufall, der Natur oder auch Gott sollen die letzten Domänen streitig gemacht werden, indem Homo sapiens das Genmaterial seiner Nachkommen nach eigenem Gutdünken selektiert und manipuliert und designt. Es ist die Ära der sexy Söhne, der perfekten Nachkommen - im perfidesten Fall perfekt im Sinne von genetisch identisch mit dem Erzeuger, sorry, Auftraggeber. "Da ist Unbehagen durchaus angebracht", sagt Kegel. Zwar sollen seine Leser gut unterhalten sein, vor allem aber will er die großen Fragen der Wissenschaft auf die Belange ihrer kleinen Existenzen herunterbrechen. Wir sollen wissen von diesen Dingen. Und darüber nachdenken!

Tun wir. Vermutlich, weil Kegel nicht übertreibt. Weder lässt er genetisch optimierte Eliterassen entstehen, noch entwickelt er surreal vereinfachte Wege der Fortpflanzung. Seine Science-Fiction ist nah an den heute tatsächlich absehbaren Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin entlang entwickelt. Das Eindringliche ist das Vertraute beziehungsweise seine augenscheinlich geringfügige Fortschreibung.

Die Protagonisten zum Beispiel kennen wir alle. Da ist ED Senft, der Konzernchef und Macher, der - nichts Böses im Sinn - doch nur der eigenen Herrlichkeit zur Wiedergeburt verhelfen möchte, indem er sich klont. Da ist Didi, der Verlierer, der im Schatten seines Vaters zugrunde geht. Wir alle kennen Didi. Und nicht zuletzt Dr. Dr. Herbert von Steeb, als Mediziner eine Kapazität, als Mann eine arme Sau. Mit einem vollständig desillusionierten Blick auf alles Zwischengeschlechtliche widmet er sich mit Hingabe seiner Arbeit als Chef einer Fortpflanzungsklinik. Ein typischer Vertreter des "immer undurchschaubarer werdenden Geflechts aus privaten, wissenschaftlichen und öffentlichen Interessen", das Bernhard Kegel in Deutschland wahrnimmt und kritisiert. Auch wenn die Forschung in Deutschland noch weit von der Kommerzialisierung nach amerikanischem Beispiel entfernt sei, sagt Kegel, so frage man sich doch immer häufiger: "Wer spricht denn da? Der Hochschullehrer, der Nachwuchs ausbildet, oder der Unternehmer und Patentinhaber?"