Am 9. Mai 1993 stirbt die Engländerin Freya Stark hundertjährig im italienischen Asolo, geadelt mit dem Titel Dame of the British Empireund der Aura einer scharfzüngigen, charmanten Vettel. Die Reiseschriftstellerin verkörpert exemplarisch die Wende, die die Geschichte des Reisens im 20. Jahrhundert genommen hat. Ihr zweiter Reisebericht, Durch das Tal der Mörder, von 1934 markiert den Umschwung: Vorbei war die Zeit der viktorianischen Forscherdilettanten, Laien mussten sich fortan damit begnügen, zum Vergnügen zu reisen.

Als die kosmopolitisch erzogene Stark Anfang der 1930er Jahre in den heutigen Iran aufbricht, sammelt sie zwar pflichteifrig und einigermaßen kenntnisreich Daten für die Royal Geographic Society,kokettiert aber schon im Vorwort: "Ich für meinen Teil bin jedenfalls ausschließlich zu meinem Vergnügen gereist. Ich habe mein kümmerliches Persisch zum Vergnügen gelernt und habe dann aus dem gleichen Grund die Burgen der Assassinen und die Bronzen von Luristan besichtigt." Von archäologischer Neugier getrieben, besteigt sie das Elbursgebirge am Kaspischen Meer, um die Festungsanlagen der Assassinen, einer militanten Sekte der Schiiten aus dem 12. Jahrhundert, aufzuspüren. Die Nachfahren der religiös motivierten Mörder stilisiert sie zu melancholischen Nomaden, die in den Bergen ein arkadisches Leben führen.

In Luristan allerdings, im schwer zugänglichen Westen Persiens, gewinnt Starks Pragmatismus die Oberhand über ihre Neigung zu romantisierenden Betrachtungen. "Der Lure ist hinterhältig, grausam, unritterlich in seinem Verbrechen", das "fidelste Spitzbubenpack, das man sich wünschen konnte". Sie selbst beraubt derweil Gräber aus der vorislamischen Zeit für die Londoner Museen. Sie weiß, dass sie sich strafbar macht, aber die Interessen der englischen Wissenschaft stehen eben über den Gesetzen unzivilisierter Perser. "Persien verdirbt die Moral", so die Autorin lakonisch.

Die Männer der Berge verklärt Stark zu urtümlichen Outsidern, attestiert ihnen aber zugleich moralische Degeneration. Sie beschreibt unwirtliche Landstriche mit Idyllenklischees, entwickelt aber einen scharfen ethnologischen Blick für Kleidung und Bräuche. Und obwohl sie die Einsamkeit der Berge inbrünstig liebt, geht ihr nichts über das zivilisierte Reisevergnügen warmen Waschwassers und eines wanzenfreien Feldbetts. Vielleicht ist diese laienhafte Unentschiedenheit der Grund, warum Durch das Tal der Mörder trotz seiner ethnografischen Schwächen ein Klassiker des Genres geblieben ist.

Freya Stark:Durch das Tal der Mörder - Reisen in Persien zu Beginn der 1930er Jahre
Herausgegeben, bearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Habinger; Promedia (Edition Frauenfahrten), Wien 2001; 320 S., Abb., 20,96 €