Nein, ein erfreulicher Beginn ist das nicht. Da schreibt eine ausgezeichnete Autorin (Jutta Richter) ein Kinderbuch, da beklagt ein verdienstvoller Schriftsteller (Christoph Meckel) den Diebstahl geistigen Eigentums, da bläst eine Zeitung (FAZ) den Vorfall zum Luftballon auf, bis er platzt und heiße Luft entweicht.

1973 erschien Christoph Meckels 300 Seiten starker (Erwachsenen-)Roman Bockshorn, die Geschichte von zwei Kindern (10und 14 Jahre) im Elend. Dem Jüngeren wird der Schutzengel geklaut, das Kind stirbt, Endzeitstimmung senkt sich über die Welt. 2001 veröffentlicht der Hanser Verlag das 90 Seiten dünne Kinderbuch der Jugendliteratur-Preisträgerin Jutta Richter Hinter dem Bahnhof liegt das Meer, in dem ein älterer Penner den Schutzengel eines Kindes (9Jahre) verkauft, der Junge wird gerettet, das Sozialdrama erweist sich als hoffnungspendendes Märchenszenario, in dem eine Königin - im romantischen Stil Frank Capras - die Armen glücklich macht. Von Klau, Diebstahl und Plagiat spricht wie üblich die Anklage. Von Inspiration, Variation und Anregung die Verteidigung. Jutta Richter räumt ein, Meckels Roman vor vielen Jahren begeistert und erschüttert gelesen zu haben, ihr Lektor, der ehemalige Verantwortliche für das Kinder- und Jugendbuchprogramm bei Hanser, Uwe-Michael Gutzschhahn, gesteht den Fehler ein, in der Danksagung den früher von ihm betreuten und geförderten Christoph Meckel nicht "ausdrücklich erwähnt zu haben".

Das ist in jeder Hinsicht ein Versäumnis, zumal die Personen- sprich Schutzengel-Konstellation dieses Buches eher ungewöhnlich ist und nicht zum Literaturalltag gehört. Aber um ein Plagiat handelt es sich nicht. In Kinderbüchern herrscht kein Mangel an heiligem Federvieh. "If it looks like a duck and acts like a duck, it's a duck", sagte die amerikanische Autorin Nancy K. Stouffer, als sie ihren Plagiatsvorwurf gegen Joanne K. Rowlings Harry Potter erläutern wollte. In unserem Fall: Nicht alles, was Federn trägt, ist ein Schutzengel.

My Sweet Lord sang einst George Harrison, und die Mädchenband Chiffons hörte darin vor allem ihr He's So Fine und klagte. Wer heute in der Musik nicht gesampelt wird, fühlt sich unbeachtet, ja zweitklassig, ohne Skandal kein Ansehen. Nun scheint der Umkehrschluss die Kinderbuchszene erfasst zu haben- die Plagiatstrompete dient zum Beweis der eigenen Bedeutung. Der berechtigte Wunsch von Autoren, Rezensenten und Verantwortlichen des Kinderbuchs, mit ihrem Genre ernst genommen zu werden, verwandelt sich in Sehnsucht nach Glanz, Skandal und Ruhm: endlich für fünf Minuten im Licht der erwachsenen - aber deshalb nicht größeren - Literatur zu stehen. Was aber nicht zu beweisen war.