Wer macht eigentlich Christoph Schlingensief die Haare? Das ist keine ganz so nebensächliche Frage, wie man denken sollte. Frisur ist bei Schlingensief bekanntlich Programm - einerseits Reminiszenz an die achtziger Jahre mit New-Wave und Fürstin-Gloria-Anklängen, andererseits der ewig neckische Lausbub.

Am Premierenabend, als Schlingensief, Autor und Regisseur des neuesten Volksbühnen-Spektakels Rosebud, gemeinsam mit seinem Team den Schlussapplaus abnahm, waren seine Haare erkennbar frisch zurechtgestruwwelt worden. Die längst zur Ikone gewordene Schlingensief-Frisur saß auch nach der dritten Verbeugung perfekt - stets fest und doch energisch locker wippend. Es würde einen kaum wundern, wenn unterdessen Udo Walz, der notorische Berliner Gesellschaftsfigaro, nun auch hinter dem Geheimnis der Schlingensiefschen Spannkraft steckte. Denn auf seine Weise ist Schlingensief mit seinem neuen Stück endgültig zum hauptstädtischen Society-Phänomen geworden.

Eigentlich ist er nämlich ein ganz Lieber, ein Kuscheltyp. Das zeigt schon der Auftakt von Rosebud mit den lustig-liebevollen Parodien auf Robert Wilson und Peter Zadek. Die großen alten Männer des Theaters werden hier von einem veralbert, der nun endlich auch dazugehören will. Darum zitiert Schlingensief in seinem neuen Stück alles, was groß und teuer ist. Das Stück gleicht streckenweise einem Klassikerraten wie im Bildungsfernsehen der siebziger Jahre. Fachleute wollen gar erkannt haben, dass Schlingensief sich schon selber zitiert.

Natürlich geschieht dies alles in streng subversiver Absicht: Es wird an diesem Abend nach Lust und Laune alles vorgeführt, demaskiert, parodiert und dekonstruiert, was sich in der Medienwelt der Berliner Republik wichtig nimmt. Theaterleute, Abgeordnete, Kanzler, Kanzlergattinen, Herausgeber, Redakteure, Exterroristen, Bürgerrechtler und Pornoproduzenten treten auf und ab, halten Volksreden, machen Weltunterwerfungsprojekte, planen Verschwörungen, kopulieren miteinander, lassen sich geschlechtsumwandeln und schießen sich am Ende wechselseitig über den Haufen. Alle sind sie kleine Würstchen, Heinis, Deppen, Pappnasen. Die Welt ist ein Narrenschiff.

Wären da nicht noch die bekannten knabenhaft-fäkalerotischen Obsessionen Schlingensiefs mit Kaka, Pipi und Porno, so würde es hier nicht viel anders zugehen als beim so genannten politischen Kabarett, in dem sich der Untertan recht gemütlich - hö, hö! - die unwandelbare Dummheit, Korruption und Machtgeilheit derer "da oben" vorführen lässt. Wer im zeitgenössischen Theater nach Vorbildern und Verbindungen für das sucht, was Schlingensief in Rosebud vorführt, geht womöglich in die Irre: Der Revuebetrieb des Christoph Schlingensief hat, auch wenn hervorragende Schauspieler wie Sophie Rois und Martin Wuttke dabei mitmachen, viel mehr mit der Distel,dem Scheibenwischer oder dem Kommödchen zu tun. Bei Rosebud huschen gewissermaßen die expressionistisch aufgedonnerten Wühlmäuse für das neue Berlin herum: Wie beim kreuzbrav-kecken Kabarett beklatscht der Bürger in der Volksbühnenrevue am Ende die eigene Ohnmacht. Er darf sich den vorgeführten Figuren überlegen fühlen: Mindestens ist er lebendiger als die Scheintoten auf der Bühne - "Menschen, denen das Sterben misslungen ist", wie das Programmheft im Rückgriff auf Adorno erklärt.

Botschaften der schlichtesten Art

Für die zahlreich anwesenden Insider der Berliner Gesellschaft hat das Schauspiel noch einen angenehm schmeichelnden Bonus parat: Ihresgleichen ist also endlich bühnenfähig. Man liebt Schlingensief schon dafür, wie laut er auch sonst anarchistisch krakeelen mag. Im Ernst will er sich es ja auch mit niemandem verderben. Das Stück war großspurig als Enthüllungsgeschichte über die FAZ, deren Sonntagszeitung und ihren Gründer Schirrmacher angekündigt worden. Letzterer wird auch weidlich zitiert, sodass die Eingeweihten schmunzeln dürfen. Aber über die Sonntagszeitung ist dann im Einzelnen rein gar nichts zu erfahren, die ZAS (Zeitung am Sonntag) im Stück ist bloß irgendeine dunkle Machenschaft unter vielen. Schlingensief macht Anspielungen und verwischt sie dann wieder kokett bis zur Unkenntlichkeit.