Cindy Jackson, geboren in Fremont, Ohio, ging mit 21 Jahren nach London. Sie beendete ihr erstes Leben als Verkäuferin in der amerikanischen Provinz und begann ihr zweites. Ein Leben, ganz der eigenen Schönheit gewidmet und der Vermarktung ihrer ungewöhnlichen Veränderung.

Sie hält sich einen Spiegel vors Gesicht und lässt den Blick an ihren Rehaugen, der leicht nach oben geschwungenen Nase und den porzellanenen Wangen entlanggleiten. Sie wirke zeitlos, sagen Leute immer wieder zu ihr, manchmal wie 28, manchmal wie 42. Sie sei makellos. Doch als sie ihre langen blonden Haare hochsteckt, werden an der Stirn zwei kreisrunde Narben sichtbar. Für einen kurzen Moment schließt sie die Augen, als wolle sie sich nicht erinnern lassen - an die einstige Geißelung, an ihr altes Gesicht. Sie wendet sich vom Spiegel ab und legt sich auf das weiße Laken einer Stahlliege, starrt wartend zur Decke.

Mit 38 Schönheitsoperationen hält Cindy Jackson den Weltrekord - eine Höchstleistung, die ihr nicht ganz behagt. Die ihr die Menschlichkeit raubt und ihre Weiblichkeit bedroht. Die sie in den Augen anderer zur Dame ohne Unterleib, zum Alien macht. Fast ebenso viele kosmetische Eingriffe hat die Französin Orlan an sich vornehmen lassen. Doch die verhöhnt Schönheitsoperationen als Trivialmetamorphosen und betrachtet ihren Körper einzig als Knetmasse für ein lebendes Kunstwerk.

Wie hat man sie selbst noch genannt? Plastikprinzessin, Cyberpuppe, Skalpellvenus. Nur weil sie die Missgriffe der Natur konsequent ausgemerzt hat, soll sie eine Außerirdische sein. Doch das behaupten Leute, die nur über sie gelesen haben. Wer sie kennt, glaubt jedenfalls nicht, vor einer Barbarella zu stehen. "Frisch, freundlich und normal ist sie", sagen die Nachbarn. Nur die Stimme klinge manchmal etwas unnatürlich.

Cindy Jackson ist nur die marktschreierische Spitze einer sonst verschwiegenen Bewegung, die bereits die Massen ergriffen hat. Nicht nur Sternschnuppen des Showgeschäfts oder gelangweilte Fabrikantengattinnen, sondern auch Krankenschwestern, Polizistinnen, Sekretärinnen, Studentinnen und immer mehr Männer - vom Bierbauchträger bis zum alerten Manager - lassen sich heute mit Skalpell und Spritze in Form bringen. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich das Geschäft mit dem Schönheits- und Jugendwahn in Deutschland verdreifacht. Der Gang zum ästhetischen Chirurgen wird allmählich enttabuisiert und bald so normal sein wie ein Zahnarzt- oder Friseurbesuch.

Heute will Cindy Jackson nur eine kleine Korrektur an ihrem Gesicht ausführen lassen. Keine Operation, sondern das Auffrischen einer schon etwas zurückliegenden Verschönerung - eine kosmetische Behandlung mit der Tätowiernadel, um die Lippen zu konturieren und einen permanenten Augenlidstrich zu ziehen. Sie schmunzelt, und für einen Moment legt sich eine nicht greifbare Unstimmigkeit auf ihr Gesicht.

Der bonbonfarbene Raum verströmt den Duft von Zimt und Vanille. Cindy Jackson liebt diese Atmosphäre der Highgate-Klinik. Hier sind die entscheidenden Schnitte und Modellierungen an ihrem Körper vorgenommen worden. Der Ort ist ihre zweite Wiege. Sie liebt die ländliche Ausstrahlung, die Laura-Ashley-Tapeten, die Fachwerkgiebel und die vielen Erker der Villa im vornehmen Londoner Norden. "Kein Ort abstoßender Krankheiten, sondern einer der fröhlichen Chirurgie", schwärmt Cindy Jackson. Manchmal steht sie stundenlang am Operationstisch und schaut zu, besonders seit sie Anfang der neunziger Jahre begann, Leitfäden über ästhetische Chirurgie zu schreiben und im Internet unter www.cindyjackson.com Beratungen anzubieten. Und jedes Mal staunt sie darüber, wie "machbar" ein Körper doch ist. Auch ein Buch hat sie mittlerweile veröffentlicht: Cindy Jackson's Image and Cosmetic Surgery Secrets, ebenfalls zu beziehen übers Internet.