Als Kind im muslimisch dominierten Somalia wurde ich im Glauben erzogen, dass Satan eine ganze Weile vor und nach dem heiligen Monat Ramadan an einem Ort eingesperrt ist, von wo aus er keine Zwietracht unter den Menschen säen kann.

Neuerdings frage ich mich, ob es nicht an der Zeit wäre, diese Legende einmal zu überprüfen oder gar zu revidieren, angesichts all der Schrecken, die jetzt über die Welt gekommen sind, und all des Terrors, der so viele unschuldige Menschen das Leben gekostet hat. Allerdings bitte ich zur Kenntnis zu nehmen, dass ich den Begriff Satan in der vorislamischen Bedeutung seines arabischen Ursprungswortes shatana nehme und ihn als weltliches Konzept verstehe. Nach meiner Übersetzung bedeutet er so viel wie "Derjenige, der Aufruhr stiftet" oder "Derjenige, der sich (dem Willen der Gesellschaft) widersetzt". Mit dieser Definition können Sie von selbst auf den Satan kommen, der im gegenwärtigen Zusammenhang am besten ins Bild passt.

Die Unruhestifter sind offensichtlich in letzter Zeit gut beschäftigt gewesen: Beweis genug, dass Satan - anders, als ich es gelernt habe - zwei Wochen vor dem heiligen Monat keineswegs in Ketten lag. Und es sieht auch nicht so aus, als sei er zwei Wochen, geschweige denn einen Monat nach den islamischen oder christlichen Feiertagen wieder hinter Schloss und Riegel!

Stattdessen treibt er sich ungehindert frei herum, bringt Verwüstung über die Unschuldigen der Welt und offenbart seine bösen Absichten in immer neuen Verwandlungen, eine übler als die vorherige. Kein Wunder, dass jedermann wissen möchte, wohin sich der Satan als Nächstes wendet. Die Propheten der Weltpolitik weissagen uns, dass er ein muslimisches Land heimsuchen wird. Und doch weiß niemand, wo genau er landen wird. Wird es Somalia sein, ein leidgeprüftes Land ohne funktionsfähige nationale Regierung; der Sudan, wo einer der Unruhestifter einst zu Hause war; der Irak, oft als arabische Nation beschrieben und Paria noch dazu; oder der Jemen, wo er angeblich eine große Jüngerschar hat?

Es wird viel spekuliert, doch es hat niemand auch nur die leiseste Ahnung, was die Unruhestifter und jene, die ihnen auf den Fersen sind, machen werden, nachdem sich Afghanistan erst von bin Laden und seinen Verbündeten befreit hat. Die Vermutung, die Unruhestifter könnten nach Somalia "umziehen", gründet auf der Vorstellung, dass das Land zerrissen ist und es keine Zentralmacht gibt, mit deren Hilfe die internationale Gemeinschaft sie vertreiben, zur Strecke bringen oder vor Gericht stellen könnte.

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten, die Somalias Zerfall bisher achtlos und gleichgültig hingenommen haben, sollten nun genauestens über die Folgen ihres Tuns nachdenken, bevor sie auch nur eine Rakete abfeuern. Denn jede übereilte Maßlosigkeit würde nur noch mehr Leid bringen über dieses Land, das seit mehr als einem Jahrzehnt keinen Frieden mehr erlebt hat.

Soll Somalia wirklich angegriffen werden, weil die Amerikaner "die Auslöschung des Terrors" wollen - wie sie und ihre wichtigsten Unterstützer behaupten? Selbst Amerikas eigene Nachrichtendienste stellen fest, dass die Al-Qaida-Zellen in Somalia weit weniger aktiv sind und nicht so eng vernetzt sind wie in Italien, Belgien oder Großbritannien. Ein amerikanischer Eingriff in Somalia würde den zerbrechlichen Frieden gefährden, der dort erreicht wurde. Nach jahrelangem Streit ist es gelungen, eine Übergangsverwaltung einzurichten, die eine dauerhafte Regierung unter Beteiligung aller Fraktionen aufbauen soll. Oder sollte es doch stimmen, was einige Somalis glauben: dass die amerikanischen Drohgebärden nur dem tiefsitzenden Verlangen entspringen, sich an den Truppen des Milizenführers Mohammed Aidid zu rächen, die im Oktober 1993 die Amerikaner aus Mogadischu vertrieben. Hoffentlich nicht.