So schritt Daum die Treppe hinauf im muffigen Gerichtsgebäude; so watete er durch die Menge der Fotografen und Kameraleute und Journalisten; so ließ er sich herab, das Publikum zu begrüßen. Und so besichtigte er Terrain und Mitspieler: Seine Augen durchmaßen den Sitzungssaal 128, sahen die schmuddeligen Vorhänge vor den Fenstern, die bröckelnde Farbe an den Wänden, das abgewetzte Linoleum auf dem Boden - kein Bohnerwachs der Welt würde hier noch Glanz schaffen. Und dann das Gericht, die Mitangeklagten. Wohl stand Daum auf, als der Vorsitzende Richter Ulrich Christoffel den Saal betrat, gerade so, wie es der Wahrheitsfindung dient und dem Respekt gebührt, das ja, doch der Weltmann, wie er so dastand mit tief in der silbergrauen Anzughose vergrabener Hand, blieb sich noch treu. Ein Star mit Stil und Allüren, eine klare Fehlbesetzung in der mediokren Farce.

Das alles ist vorbei. Nach zehn Verhandlungstagen ist Daum klein geworden, kleinlaut, meistens schweigt er. Christoph Daum, Held der Fußballplätze, großer Motivator einst von Bayer Leverkusen, dann - bevor er eingeholt wurde von langjährigen Gerüchten um seinen Kokaingebrauch - beinahe der Nationalmannschaft, heute eher geduldeter Trainer von Besiktas Istanbul, ist arg zurechtgestutzt worden vor dem Landgericht Koblenz. Nicht so sehr der noch zu beweisenden Fakten wegen, die stehen in der Anklageschrift und lauten auf Kokainerwerb in 63 Fällen und Anstiftung zum Handel. Das bräuchte Daum wenig zu bekümmern, von der Anstiftung redet nicht einmal mehr die Staatsanwaltschaft, vielleicht, weil sie eingesehen hat, dass "Anstiftung eines Dealers" einem weißem Schimmel gleichkommt. Auch verdienen die Zeugen, die angekarrt wurden zu Daums Belastung, kaum die Bezeichnung. Die haben sich bislang vorgestellt als Wichtigtuer, die sich in den VIP-Räumen der Bundesligastadien an der vermeintlichen Sonne von Stars zu wärmen versuchen. Das wäre leicht zu entkräften, und Daums Anwälte versuchen ihr Recht auch mit Verve und mitunter Brillanz durchzusetzen.

Allein - und dies zermürbt Daum zusehends, weil er hilflos ist wie vor Gott und auf See - was nützt es, wenn das Gericht die Aufschneidereien der Zeugen ernst nimmt und Aussagen, die auf Hörensagen beruhen, zur Beweisaufnahme legt? Es war am Abend des neunten Verhandlungstages, stundenlang hatten Staatsanwaltschaft und Gericht Prozessbeteiligte und Zuhörer mit dem Abhören von Telefonmitschnitten gequält, Telefonate, in denen etwa eine junge Frau ihre Verliebtheit in Daums Kokainlieferanten durch den Äther säuselte, mithin für den Prozess gänzlich irrelevantes Zeug, an diesem Abend also platzte es aus Daum heraus: Man möge ihn doch bitte nicht kriminalisieren, er räume doch den Kokainmissbrauch ein, aber geschadet habe er nur sich selbst und sonst niemandem.

Das wäre noch das Beste, was es zu sagen gäbe über diese Staatsanwaltschaft in Koblenz und das Gericht: dass hier ein Protagonist, ach was, der Protagonist einer hybriden Branche, auf den Gesetzestext zurechtgeklopft wird. Daum steht ja nicht allein, Daum ist ja nur der lauteste Vertreter der Gilde jener Sportstars, die aus ihrem Götzenstatus das Recht ableiten, das Recht zu negieren. Es liegen nur Unterschiede im Detail, ob der Fußballer Stefan Effenberg das Faustrecht propagiert, um einen Platz in der Disco zu erstreiten, ob Boris Becker Steuern hinterzieht, ob beim Bundesligisten Energie Cottbus gleich die halbe Vorstandsschaft das Finanzamt umdribbelt, ob Christoph Daum an die Öffentlichkeit geht und lächelnd, aber bestimmt vom "absolut reinen Gewissen" lügt. Zerknirschtheit, Reue, Einsicht halten sich in jedem Fall in Grenzen. Es sind eher Reaktionen des Erstaunens, des Unglaubens, des Entsetzens, wenn die Herrschaften mit den Regeln der Normalität konfrontiert werden. Christoph Daum hat sich, als er gewahr wurde, dass eine unabhängig erstellte Haaranalyse seine Lüge enttarnte - so berichten Augenzeugen - auf dem Fußboden gewälzt und minutenlang gebrüllt, dass die Wirklichkeit nicht wahr sein könne.

Ist sie aber. Wie auch jene Wirklichkeit, dass ein Bagatellprozess zum Medienhype gepuscht wird. Ein Bagatellprozess, nicht mehr. Da ist der geschwätzige Kleindealer, dieser K., der Daum kennt und versorgte, der rumposaunte und hinreichend charakterisiert war, als sein Balzverhalten am Strand von Mallorca im Sitzungssaal zur Sprache kam. Hotelmanager sei er, Haus- und Pferdebesitzer, so holte er sich die naive Blonde ins Bett. Und so sitzt er da im Prozess und hört sich die gewaltigen Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft an, fast wirkt er stolz, ein Gangster von der traurigen Gestalt, fast wirkt er traurig, weil es kaum zu beweisen ist, dass er eine große Nummer ist. Oder W., ein Hotelbesitzer aus Rheinland-Pfalz, von dessen Hotel aus das Telefonat geführt worden sein soll, in dem Daum den Dealer zum Handel angestiftet haben soll. Ein Angeber, den seine Lautsprechereien in den Verdacht gebracht haben, mit einem in Venezuela ansässigen Großhändler des Schnees in Kontakt zu stehen und der nun erschrocken feststellt, dass seine Maulfechtereien wohl nur an der Hotelbar bewundernde Zuhörer finden. Eine Posse, nicht der Rede wert unter anderen Umständen und schnell abgeurteilt.

Wenn da nicht die Staatsanwaltschaft wäre, die Daum braucht, um die Öffentlichkeit zu genießen. Sie liefert sich Scharmützel und Gefechte mit den Verteidigern, hat ihnen einmal Zeugenbestechung vorgeworfen und erst spät eingeräumt, dass dieser Zeuge doch eher versucht hat, Daum gegen zwei Millionen Mark zu erpressen, anderenfalls werde er aussagen. Ob dieser R. etwas zu sagen hat? Bislang nicht, bislang hat er nur dem Kölner "Express" ein Interview gegeben, in dem stand, was R. so alles über Daum gehört habe. Auch haben die Staatsanwälte Angerer und Griesar angedroht, 5500 mitgeschnittene Telefonate vorspielen zu lassen, "Zermürbung" vermuten Daums Anwälte als Motiv. Nur, wer soll zermürbt werden? K. der Dealer, der in Untersuchungshaft sitzt und die Verhandlungen zu genießen scheint, weil er den Paten geben darf? W., gegen den bislang nichts auf den Tisch kam, was den Verdacht erhärten könnte, und der, so argwöhnen Daums Verteidiger mit erheblichen Indizien, nur dazu dient, den Prozess gegen Daum wegzuholen von der Zuständigkeit eines Gerichts in Köln, dem Wohnort Daums? Oder soll Daum weich gekocht werden? Der ist geständig. Beweise, die Daums Schuld belegen über das Geständnis hinaus, wurden bis zum zehnten Verhandlungstag nicht vorgelegt.

Warum dann also? Könnte es am Ende so sein, dass eine verlogene und größenwahnsinnige Szene mit auf der Anklagebank sitzt? Dass der Showbizz-Sport nicht allenthalben Anhänger hat, sondern auch Gegner, denen das Gewese um die Stars und deren Selbstgerechtigkeit und deren Selbstverliebtheit verhasst sind? Den Staatsanwälten Angerer und Griesar ist diesbezüglich nichts zu entlocken - sie werden sich ja nicht selbst niederer Beweggründe bezichtigen. Das heißt, so niedrig wäre das Motiv, die Hybris der Branche aufs Normalmaß zu reduzieren, ja nicht. Ob ein Gerichtssaal dazu aber der geeignete Ort ist, ist wieder eine andere Frage.