Aber weil in diesem Jahr die beiden Parteivorsitzenden der Union, Edmund Stoiber und Angela Merkel, im Streit um die Kanzlerkandidatur wie zwei Züge aufeinander zurasen, könnte die Kreuther Tradition des selbstherrlich polemischen Redens doch Folgen haben. Je lauter nämlich Stoiber von Kreuth aus beschworen und Merkel für ungeeignet befunden wird, desto leichter könnte die im Januar anstehende Nominierung zur Katastrophe für die Union geraten. Denn die Konkurrenz der beiden Parteivorsitzenden - ursprünglich als erfolgssteigernde Dramatisierung gedacht - droht der Regie zu entgleiten, seit beide ihr Interesse deutlich gemacht haben. Doch ein Kandidat Stoiber auf Kosten einer beschädigten CDU-Chefin wäre für das Verhältnis der Schwesterparteien ähnlich desaströs wie eine Kandidatin Merkel, die - nicht nur - in der CSU geschlossen auf Ablehnung stieße.

Die Ironie der Situation liegt allerdings darin, dass die Entscheidung für den Kurs der Union im Wahljahr weit weniger bedeutet, als die mit anschwellender Entschlossenheit ausgetragene Konkurrenz vermuten lässt. Entgegen dem Anschein wird die Partei mit Stoiber keinen wesentlich konservativeren, mit Merkel keinen liberaleren Kurs einschlagen. So sehr sich beide von Herkunft und Gestus her unterscheiden, so ähnlich sind doch ihre politischen Aussagen.

Wer wollte ernstlich behaupten, dass Edmund Stoiber einen aggressiveren Ausländerwahlkampf als Angela Merkel führen würde oder dass die Erfinderin der "Wir-Gesellschaft" am Ende stärker für das Gemeinwohl eintreten würde, als Stoiber dies in Bayern seit seinem Amtsantritt ohnehin tut? Beide haben sich bisher als politisch höchst flexibel erwiesen. Das gilt vor allem für Angela Merkel, die in den eineinhalb Jahren an der Spitze ihrer Partei den Eindruck vermieden hat, sie wolle aus der CDU eine linkere, offenere oder gar debattenfreudige Partei machen. Mit dem vorsichtig-kalkulierenden Stoiber wiederum bekäme die Union einen Kandidaten, der nicht beschränkt genug wäre, das Bild des reaktionären Hardliners auszufüllen, das die Wahlkampfplaner der SPD so gern von ihm zeichnen würden. Im Grunde ist das Kandidatenrennen der Union nicht viel mehr als eine Geschmacksfrage.

Stoiber hält sich für einen Linken

Spätestens seit seinem Amtsantritt als bayerischer Ministerpräsident hat Edmund Stoiber daran gearbeitet, das scharfkantige Profil zu mildern, mit dem er seit den siebziger Jahren seinen Weg nach oben nahm. Schnell hat er begriffen, dass die Fortschreibung seiner überzogenen, oft reaktionären Positionen, die ihn über Jahre so kenntlich wie angreifbar machten, seiner neuen Rolle an der Spitze des bayerischen Staates nicht angemessen war. Als Vorsitzender einer Partei, die seit Jahrzehnten mit absoluten Mehrheiten regiert und von keiner Opposition ernstlich herausgefordert wird, agiert er heute eher wie ein Politiker, der die Große Koalition schlechthin darstellt. Sein aggressives Image als CSU-Generalsekretär hinter Franz Josef Strauß oder als bayerischer Innenminister, der die Grenzen des Rechtsstaates mit aller gebotenen Strenge auslotete, ist heute eher zählebige Erinnerung. Auch seine europaskeptischen Untertöne hat Stoiber längst eingestellt. Die Polemik gegen den Euro ist fast vergessen.

Selbst an plakativen Versuchen, sich neu zu präsentieren, hat es Stoiber in den vergangenen Jahren nicht fehlen lassen. "Sie können mich ruhig einen Linken nennen", erklärte Stoiber 1997 den verdutzten Interviewern der Frankfurter Rundschau. Zwar gehört er auf dem Feld der Ausländerpolitik oder der Inneren Sicherheit bis heute eher zur Traditionskompanie der Union, die rigide Lösungen schätzt, schon allein um keine konkurrierende Partei im rechten Spektrum wachsen zu lassen. Doch was heißt das heute noch, angesichts eines rot-grünen Innenministers, der mit seinem bayerischen Kollegen Günther Beckstein offenbar prächtig harmoniert und dessen Sicherheitspakete auch in Bayern auf Zustimmung stoßen?

Auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik muss sich Stoiber nicht vor seinen politischen Gegnern verstecken. Seine Politik der Privatisierung zugunsten gezielter Modernisierungsinvestitionen gilt in SPD-regierten Bundesländern als vorbildlich. Die sozialpolitische Tradition der CSU hat Stoiber zu Kanzler Kohls Zeiten herausgestrichen, als er die Sparpakete der damaligen Bundesregierung kritisierte. Den Eingriff in die Lohnfortzahlung beispielsweise hielt Stoiber für einen hoch symbolischen Fehler. Lieber brachte er sein eigenes, bayerisches Bündnis für Arbeit in Kooperation mit Gewerkschaften und Unternehmern auf den Weg. Diese Mixtur aus Modernisierung und sozialer Balance unterscheidet sich kaum von der rot-grünen Politik. Wenn heute bis weit in die CDU hinein Stoiber und nicht die eigene Vorsitzende für das Spitzenamt im Wahljahr favorisiert wird, dann ist es in erster Linie dessen Wirtschaftspolitik, mit der die Union im Wahlkampf werben möchte.