Kapstadt

Wer Beirut gemocht hat, wird Mogadischu lieben." Eine sarkastische Mahnung, ausgesprochen anno 1993 vom alten Haudegen Smith Hempstone. Er war damals Botschafter der USA in Kenia. Damals, als sich 37000 Blauhelme unter dem Oberkommando der Amerikaner anschickten, die "Neue Weltordnung" in Somalia zu installieren. Der öffentlich vorgebrachte Zweifel war Hempstones Karriere nicht förderlich, obwohl er Recht behielt: Die Militärmission scheiterte kläglich. Heute ist der Satz des Diplomaten wieder brandaktuell.

Somalia gerät erneut ins Fadenkreuz der Amerikaner. Diesmal soll dort nicht der Hunger, sondern der Terror bekämpft werden, genauer gesagt bin Ladens Netzwerk, Al-Qaida. Aber schauen wir uns einmal Belet Huen an, das Wüstennest, in dem 1993 Soldaten der Bundeswehr stationiert waren. Rostzerfressene Panzerketten, Lastwagenwracks, Geschosshülsen, vom Sande zugewehte Brunnenschächte, Schilder, von denen die himmelblauen Embleme der Vereinten Nationen abblättern - mehr ist nicht übrig geblieben, und man kann sich schwerlich vorstellen, wie hier die neue Weltunordnung zu bekämpfen wäre. Denn man weiß heute genauso wenig über Land und Leute wie seinerzeit.

Die Unkenntnis beginnt bei der Annahme, Somalia verfüge nach zehn Jahren Staatszerfall und Anarchie wieder über eine legitime Regierung, mit der man kooperieren könne. Doch die Männerrunde der Exilanten, die sich im August 2000 nach dreimonatigem Palaver selber das Mandat zur Macht gegeben und Abdulkassim Salad Hassan zum Staatschef ernannt hat, wird in weiten Teilen der kompliziert verästelten Nomadengesellschaft von Clans und Subclans nicht anerkannt. In der Hoffnung, mit den nötigen Ressourcen für das eigene Überleben ausgestattet zu werden, dient sich Präsident Salad den Amerikanern als Verbündeter an. Er behauptet zwar, es existierten keine Terrororganisationen in Somalia, ließ aber trotzdem kurz vor Weihnachten fünf Verdächtige festnehmen - durch eine hastig gebildete Antiterroreinheit, die vermutlich selbst Exterroristen beschäftigt.

Die Übergangsregierung kontrolliert nicht einmal die Hauptstadt Mogadischu. Im Norden hat Somaliland schon 1993 seine Unabhängigkeit ausgerufen, eine zweite Region, Puntland, ist im Begriff, sich abzuspalten. Der Rest des Landes war nach dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991/92 in die Hoheitsgebiete von Räuberbanden und Kriegsfürsten zerfallen. Somalia - eine Staats- chimäre, in der Chaosmächte walten.

Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass das zerrissene Land einen idealen Nährboden für terroristische Umtriebe bietet. Aber Genaues weiß niemand. Es kursieren jede Menge Gerüchte. Die Informationen über Schlupfwinkel und aktive Zellen von Al-Qaida kommen vom Geheimdienst Äthiopiens, dem Nachbarstaat, der nichts unversucht lässt, um den Erzfeind Somalia zu schwächen. Und von Hussein Aidid, einem berüchtigten Kriegsfürsten, der seine verlorene Machtbasis zurückerobern will. Die Soldateska seines Vaters Mohammed massakrierte 1993 bei der Friedensmission 18 US-Soldaten, angeblich in Zusammenarbeit mit Al-Qaida. Auch dafür gibt es bis dato kein Beweise. Der als notorischer Lügner bekannte Aidid junior hat es zum Souffleur der CIA gebracht - als ob es sich nicht herumgesprochen hätte, dass man in Somalia für eine Hand voll Dollar die wildesten Geschichten erhält.

Zum Beispiel von einem Mann wie Ibrahim Sabrie Arale, der uns vor zwei Jahren in Belet Huen über den Weg lief: schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans, schwarzer Zorro-Hut, die Augen hinter den dunklen Gläsern einer Ray-Ban-Brille verborgen - der Chef einer Miliz mit dem harmlosen Namen Lucky Star, Glücksstern. Er war stolz auf seinen technical, einen Jeep mit aufmontierter 106-Millimeter-Kanone. Damit kann man ganze Häuser wegblasen. Oder eine Stadt terrorisieren. "Wir haben den Kampf aufgegeben", beteuerte Arale treuherzig.