Später las ich Geschichten wie »Schnee auf dem Kilimandscharo« oder »Schnee, der auf Zedern fällt«. Auch dort war der Schnee nicht vorhanden. Und ich begriff langsam, dass es Schnee in keiner Gesellschaftsordnung wirklich gibt. Er ist immer nur symbolisch da, als Ausdruck für das, was fehlt, als eine Sehnsucht, eine Erwartung. Die Russen hatten das längst begriffen. Sie sagen: »sneg idjët« - der Schnee geht, wenn sie sagen wollen, er fällt. Das Eigentliche ist immer schon weg, bevor der Rest bei uns ankommt. Der Schnee, auf dem ganze Alpenorte ihre jährliche Existenz gründen, besteht ja auch zu 90 Prozent aus Luft! Im brandenburgischen Bad Saarow dagegen, einem winzigen Örtchen südlich von Berlin, kommt der Schnee mit 90-prozentigem Wasseranteil aus der Düse.

»Vernebeltes Wasser«, erklärt der Technische Leiter am Telefon. »Aber wenn da alle mit ihren heißen Körpern reinlatschen, dann schneit's sowieso gar nich. Es schneit nur, wenn die Raumtemperatur unter minus 13 Grad liegt.« Aber dann das ganze Jahr. Schneefreigabe nennt er das, und es klingt stolz. Denn Bad Saarow braucht Ludwig XIV. nicht mehr. Hier ist der Schnee handgemacht, planbar und ganzjährig. Bei dem Ehepaar und mir hat es geklappt. Wir haben die Kältenorm erfüllt, und der Schnee wird freigegeben, der zwar auch kein richtiger, aber doch wahrscheinlicher ist als der wirkliche Schnee.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle: Moritz Rinke