Allmählich lernte ich alle Kontinente der Welt kennen und träumte davon, Anregung zu etwas zu geben, das den Rahmen des Präsidentenamtes überschreitet, das sich mit dem Abstand der Zeit als einer der wichtigen Momente erweist, die zur Wahrnehmung der Bedrohungen und Gefahren beigetragen haben, denen wir alle, unsere ganze globalisierte Zivilisation, früher oder später werden entgegentreten müssen. Träume haben, Träume verwirklichen - was für eine Herausforderung!

Vor Jahren entstand bei einem Gespräch zwischen Eli Wiesel und mir - wir gingen durch Hiroshima, wo wir uns gerade bei irgendeiner Konferenz getroffen hatten - der Gedanke, wir könnten in Prag, einem Ort traditionellen Aufeinandertreffens unterschiedlicher geistiger Ströme, Machtinteressen, an diesem in vieler Hinsicht sehr bemerkenswerten Ort, ein Treffen von Menschen aus unterschiedlichen Kontinenten, unterschiedlichen Religionen, unterschiedlichen Berufen organisieren. Prag hielt ich für höchst geeignet, denn diese Stadt war nicht nur einmal in ihrer Geschichte eine wirkliche Kreuzung europäischer geistiger Ströme und ist viele Male als magisch, geheimnisvoll oder rätselhaft bezeichnet worden. Seine bewegte und vielschichtige Geschichte - erwachsend aus der dauerhaften Durchdringung des tschechischen, jüdischen, deutschen und italienischen Elements mit den unterschiedlichsten weiteren europäischen Bestandteilen - hat offensichtlich auf unauslöschliche Weise sein Gesicht und seine Atmosphäre geprägt.

In Prag sind dann in fünf aufeinander folgenden Jahren seit dem Jahre 1997 immer für dreieinhalb Tage Politologen, Philosophen, Soziologen, Künstler, Wissenschaftler, amtierende und ehemalige Politiker, religiöse Vertreter, weltbekannte Persönlichkeiten häufig mit sehr unterschiedlichen Ansichten, Haltungen und Überzeugungen, unterschiedlichen Wurzeln und Lebenserfahrungen zusammengekommen. Es war, als ob diese Leute in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt immer eine Andeutung des Bildes der heutigen Welt gebildet hätten, und häufig war das Einzige, was ihre Schicksale miteinander verband, die gemeinsame Sorge um das Schicksal dieser Welt. Offene und freundschaftliche Treffen können nur das stärken, was die verschiedenen Religionen und verschiedenen Kulturen verbindet, zur Suche nach gemeinsamen Ausgangspunkten, Prinzipien und Imperativen inspirieren, aus denen sich schließlich eine Art gemeinsames geistiges und sittliches Minimum herauskristallisieren könnte.

Die Überzeugung, dass eine wirkliche und grundsätzliche Veränderung zum Besseren sich einzig von Veränderungen in der Sphäre des Geistes ableiten kann, bestätigt mir eine meiner Beobachtungen: Wo immer ich auf dieser Welt auf ein wie auch immer geartetes tieferes Zivilisationsproblem gestoßen bin - und es konnte sich genauso gut um die Abholzung der Regenwälder, ethnische oder religiöse Unverträglichkeit oder brutale Zerstörung einer über Jahrhunderte hinweg entstandenen Kulturlandschaft handeln -, immer fand ich am Ende der ganzen Kette von Gründen, die das jeweilige Problem entstehen ließen, ein und denselben Grund. Nämlich einen Mangel an Verantwortung der Welt für die Welt. Nämlich dass die Krise der heute so notwendigen globalen Verantwortung ihre entscheidende Ursache darin hat, dass wir die Gewissheit verloren haben, dass das All, die Natur, das Sein und unser Leben Werk einer Schöpfung sind, die von einer bestimmten Absicht geleitet ist, einen bestimmten Sinn hat und ein bestimmtes Ziel verfolgt, und zusammen mit dieser Gewissheit verständlicherweise auch alle Demut vor dem, was über uns hinausragt und uns umgibt. Diesen Verlust begleitet selbstverständlich auch der Verlust des Gefühls dafür, dass wir alles, was wir tun, der Rücksicht auf eine höhere Ordnung, deren Bestandteil wir sind, unterordnen müssen sowie der Achtung ihrer Autorität, in deren besonderem Blickfeld sich jeder von uns ständig befindet.

Niemand von uns hat gehofft, dass das Forum 2000 den Lauf der Welt beeinflusst. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass wir verpflichtet sind, vorauszudenken, immer wieder alle Bedrohungen der heutigen Zivilisation zu benennen, Wege zu suchen, um sie abzuwenden, und nicht damit zu kalkulieren, in welchem Maße ich, wir, jeder von uns wirklich den Lauf der Welt beeinflusst. Das Forum 2000 hat einen außergewöhnlichen Raum des Nachdenkens und des Gesprächs über die heutige Welt geschaffen, dessen wirkliche und langfristige Ausstrahlung heute schwerlich vollständig wahrzunehmen ist. Die Inspiration und Hoffnung, die man in der Diskussion schöpfen konnte, haben ihre Teilnehmer mit in ihre jeweiligen Winkel dieses Planeten genommen, und es bleibt nur zu hoffen, dass dies zu einem kleinen Teil zu seiner besseren Zukunft beitragen kann.

Ein traditioneller Bestandteil der Konferenzen des Forums 2000 war eine multireligiöse Versammlung im Veitsdom, eine Art gemeinsamer Meditation unter der Teilnahme von Vertretern der größten Religionen der Welt. Beim ersten Forum 2000 geschah es zum ersten Mal auf der Welt, dass in einer katholischen Kathedrale nacheinander der tibetische Dalai Lama, ein jüdischer Rabbiner, ein katholischer Erzbischof, ein protestantischer Pastor und ein bedeutender islamischer Mufti sprachen. In diesem Jahr beschloss ich, bei dieser gemeinsamen Meditation im Veitsdom selbst aufzutreten, und sagte zu den führenden Vertretern der größten Weltreligionen, sie möchten im Lichte der tragischen Ereignisse des 11. September die Möglichkeiten engerer Zusammenarbeit erwägen. Ich bin der Ansicht, dass die Zeit reif ist, mit der Schaffung einer Art "großer geistiger Koalition" zu beginnen, die sich im Namen der Achtung für das Leben und die Würde des Menschen, der Brüderlichkeit und Gleichheit der Völker, gerechter Verhältnisse auf der Welt und der Rücksicht auf die Interessen zukünftiger Generationen gegen die Kräfte der Zerstörung stellt.

Bestandteil der Konferenz wurden auch das Studentenforum 2000 und das E-Forum, das durch das Internet Zehntausenden von weiteren Interessierten die aktive Teilnahme an den Debatten ermöglichte. Mithilfe des Beitrags des japanischen Philanthropen Yohei Sasakawa widmete sich das Forum 2000 in fünf Jahren nacheinander den Fragen unseres gemeinsamen Erbes, der Globalisierung, der Bürgergesellschaft, der Bildung, der Kultur und den geistigen Werten im Prozess der Globalisierung und im letzten Jahr den Menschenrechten und der Suche nach globaler Verantwortung. Das vergangene fünfte Jahr war die Vollendung der Konferenzserie. Es wurde die Prager Erklärung angenommen, die versucht, zusammenzufassen, wohin die Teilnehmer der Konferenz in den vergangenen fünf Jahren gelangt sind, und einige allgemeine Gedanken zu formulieren, die einen Ausgangspunkt für weitere Gespräche auch außerhalb des Rahmens ähnlicher Konferenzen bilden könnten.