Der Freigeist ist seit langer Zeit das erste Theaterstück, in dem ich wieder auf der Bühne stehe. Es hat mich sofort gereizt: eine Komödie, nicht oberflächlich, sondern charmant und spritzig, philosophisch und mit Tiefgang, basierend auf historischen Fakten. Der Philosoph Diderot wird dazu gedrängt, eine Abhandlung über die Moral zu schreiben. Aber die Malerin Madame Therbouche - die spiele ich - und andere Charaktere stürzen ihn in Konflikte, als seine Frau Treue verlangt. Diderot wird klar: Es gibt nicht die eine Moral, sondern eine Moral des Individuums und eine Moral der Gesellschaft.

Diese Woche ist heißeste Probenphase, für mich existiert nur das Stück und nichts anderes. Wir haben zwei Voraufführungen, offizielle Premiere ist am 10. Januar im Theater am Kurfürstendamm in Berlin.

Am DONNERSTAG stehe ich wie üblich um sieben auf: Morgengymnastik, Atemübungen, Cross-Trainer, Faxe beantworten, telefonieren und noch mal die Texte durchgehen, damit ich mich um zehn, wenn die Probe beginnt, sicher fühle. Wir sprechen zuerst die Abläufe der Szenen durch, um elf beginnt eine Durchlaufprobe des gesamten Stückes. Um 17 Uhr dann Kostümprobe: Madame Therbouche trägt ein Kleid aus der Rokokozeit. Es ist leicht abgewandelt, historisch nicht ganz korrekt, damit es ihren unbürgerlichen und bohemienhaften Charakter besser ausdrückt. Die Damen von damals haben es schwer gehabt, weil sie bis zum Gehtnichtmehr eingeschnürt wurden, bei mir ist das noch im Bereich des Erträglichen. Um halb sieben treffen wir uns noch mal zum Durchsprechen der Szenen, um acht proben wir das gesamte Stück.

Direkt im Anschluss kritisiert Marek Gierszal, der Regisseur, alle Schauspieler einzeln. Das geht sicher bis Mitternacht.

Der FREITAG läuft fast genauso ab: Wir proben den ganzen Tag, um fünf machen wir eine Tonprobe mit allen Einspielungen. Wenn ich abends nach Hause komme, schminke ich mich ab, telefoniere kurz und falle ins Bett.

SAMSTAG proben wir auch. Ich habe keine Wochenendrituale fürs Frühstück. So etwas würde nur bedeuten, dass ich nicht zu dem komme, was ich eigentlich will. Und ich will mich ausschließlich mit dem Stück beschäftigen.

Am SONNTAG beleuchten wir zunächst die einzelnen Szenen, um zu sehen, an welchen noch weitergearbeitet werden muss. Wir Schauspieler treffen uns untereinander, ich bespreche mich mit Georges Claisse, dem männlichen Hauptdarsteller, also Diderot. Parallel wird das Bühnenbild auf der Hauptbühne aufgebaut, die Beleuchtung eingerichtet. Am Abend gibt es keinen Durchlauf, stattdessen gehen wir mit den Kollegen essen. Ich liebe italienisches Essen, habe aber im Moment keine großen Ansprüche: Hauptsache, das Restaurant ist nah für alle.