Die Bühne ist nackt. Nur ein Samtvorhang wirft rote Falten. Von einem Klavier, dem einzigen Requisit, perlt Chopin. Ein Chor von jungen Leuten stürmt die Szene, die Gesichter hart, die Jeans zerbeult, die Sprache direkt.

Sprechmaschinen in Zweierreihen, militärische Kolonnen, die eine undurchdringliche Wand bilden - und sich dann hinkauern, als hilfloses Menschenrudel zusammenklumpen. Nackt, von hinten beleuchtet, formen sie an der Rampe ein Schattenrelief. Danach schleudern sie obszöne Flüche ins Parkett.

Und treffen fast niemanden. Handkes Publikumsbeschimpfung hat kein Publikum.

Jedenfalls nicht im großen Theatersaal der Cekarnica, von Ljubisa Ristics "Zuckerfabrik" in Belgrad. Erbarmungslos tickt ein Metronom. Ristics antibürgerliches Theater, das einst über Konventionen und Tabus hinwegfegte, ist angekommen in der klassischen Einheit von Raum, Zeit und Handlung. Doch die Handlung - die Attacke der Akteure auf die Zuschauer - geht buchstäblich ins Leere, falscher Raum, falsche Zeit. Nach der Vorstellung verlieren sich die wenigen Besucher, meist Freunde der Schauspieler, in den riesigen Hallen der Cekarnica. Eigentlich sollte die stillgelegte Fabrik in den letzten Jahren des Milosevic-Regimes zu einem internationalen Kunstzentrum umfunktioniert werden, mit Restaurants, Diskotheken und Fashion-Center. Zwei Jahre lang baute das ganze Schauspielensemble daran mit. Jetzt wirkt der lang gestreckte rote Bau wie ein surreales Traumschiff, zweckenthoben. In der verglasten Eingangshalle, die sich als subtropischer Wintergarten dahinzieht, laden Bambusstühle zum Sitzen ein. Wellensittiche kreischen hinter Gitterstäben, Palmen biegen sich in riesigen Kübeln, in einem Wasserbecken spiegeln sich filigran die Gestalten von Wandmalereien, überall stehen Computer. Dahinter, im Restaurant- und Barteil, wachsen schwarze Säulen auf dunklem Marmor empor. Die Gäste versinken in schweren Ledergarnituren vor roten Ziegelkaminen, über denen ein Sternenhimmel aus winzigen Lämpchen flackert.

Die Mafia finanziert ein Theater

Im Mai 1999, zu Beginn der Nato-Bombardierungen, wurden in der einstigen Ruine zwei Theatersäle eröffnet. Der Eintritt war frei, die Vorstellungen begannen nachmittags und endeten beim Aufheulen der Sirenen. Auch eine Raffinerie auf dem Gelände am Stadtrand, in der Nähe des Prominentenviertels Dedinje, wurde damals bombardiert - eine Farce, denn die Tanks waren leer.

Nun sind die Restaurants stillgelegt, die Computerbildschirme grau, über dem Freibad am Eingang wölbt sich eine Plane.