Die Zeit: Frau Christiansen, finden Sie nicht auch, dass die Wellness-Angebote überhand nehmen? Ann Christiansen: Wellness ist ja ein erfundenes Wort und nicht geschützt. Außerdem ist es typisch für die heutige Zeit, etwas neu zu benennen, was eigentlich ganz alt ist.Und es geht um eine grundsätzliche Bedingung menschlichen Lebens: um Berührung, um Bewegung, um eine Art peace of mind. Zeit: Was genau verstehen Sie unter einem Spa? Christiansen: Die Bezeichnung geht auf das lateinische sanus per aqua zurück, und genau das soll es auch bedeuten - Gesundheit, die mit Wasser zu tun hat, also Hydromassagen, Peelings, Heilkräuterbäder und natürlich auch Wickel, deren heilende Wirkung seit Urzeiten bekannt ist. Zeit: Jede Kleinstadt hat inzwischen sein Spa und seine Wellness-Oase.Woher kommt eigentlich das entsprechend geschulte Personal?Wie vermeidet man es, in die Hände von Scharlatanen zu fallen? Christiansen: Eine Berührung betrifft die Intimsphäre.Man will nicht jeden an seinen Körper heranlassen, und das ist auch richtig so.Wichtig ist, vorab zu besprechen, was die Anwendung bedeutet, sie sich erklären zu lassen und vielleicht auch anzugucken.Dann sollte die Intuition entscheiden: Tut mir das gut?Die meisten Therapeuten hierzulande sind bestens geschult. Zeit: Sie sind ja über den Sport zu Körpertherapien gekommen. Christiansen: Ich bin Schwedin und habe 1984 an den Olympischen Sommerspielen in Los Angeles als Schwimmerin teilgenommen.Meine Stärke war Freistil, Langstrecke.Später bin ich mit meinem Mann nach Tokyo gegangen.In den achtziger Jahren war Schwimmen ein großes Thema in Japan.Drei Jahre lang habe ich eine TV-Show moderiert, die sich ausschließlich ums Schwimmen drehte. Zeit: Das klingt nach Anstrengung. Christiansen: Der Eindruck täuscht.Damals ist mein Interesse für fernöstliche Heilmethoden geweckt worden, für chinesische Medizin und speziell für Akupunktur. 1992 bin ich dann nach Europa zurückgekehrt und habe mich als Heilpraktikerin ausbilden lassen.Dazu gehörten Techniken wie Sport-, Entspannungs- und Bindegewebsmassagen, aber auch eine Schulung als stress observation therapist.Unsere Dozenten kamen fast alle aus den USA. Außerdem bin ich NIA-Trainerin. Zeit: NIA, was ist denn das? Christiansen: Eine Kreuzung zwischen asiatischem Kampfsport und westlicher Körpertherapie.Hierzulande ist NIA noch weitgehend unbekannt. Zeit: Angenommen, ein Gast kommt zu Ihnen - hoch nervös, überanstrengt, übergewichtig, vom Jetlag geplagt.Wie erkennen Sie, was das Richtige für ihn ist? Christiansen: Das kann mir nur die Erfahrung sagen.Außerdem weiß ich, dass gerade auf Menschen, die häufig reisen, Körpertherapien positiv wirken, weil die Spannungen in der Muskulatur reduziert werden.Sie schlafen besser und regenerieren schneller.Gute Therapeuten müssen aber natürlich auch wissen, dass zum Beispiel eine Thalassotherapie bei jemandem, der unter Überfunktion der Schilddrüse leidet, nicht angebracht ist.Der Körper braucht, um gesund zu bleiben, die richtige Ernährung, Bewegung, aber auch Musik, Düfte, ästhetische Eindrücke und Berührung.Durch die Sinne aufzunehmen, dass man sich wohl fühlt - das hat eine hohe Bedeutung für mich. Zeit: Wohl fühlen möchte sich jeder.Aber viele schaffen es nicht. Christiansen: Als ich anfing, dachte ich, alle Krankheiten der Welt heilen zu können.Heute bin ich bescheidener.Aber ich weiß: Wenn ein Körper einmal dieses Glücksgefühl kennen gelernt hat, durch Berührung, durch die Magie einer gelungenen Behandlung, dann möchte er das wiederhaben und sucht erneut nach dieser Schwingung.Man kann süchtig werden danach ... INTERVIEW: DONATA FREY