Wenn Mom und Dad es mögen, ist es meistens kein Rock 'n' Roll mehr. Weiß der Zuschauer, nicht aber der Held, der sich im elterlichen Badezimmer ausgehfertig macht. Man sieht ihn Wimperntusche auftragen, dann Mutters Lidschatten, während die Geschwister schon an der Tür bollern. Zum Schluss die Lederjacke über den nackten Oberkörper und ein Blick in den Spiegel: verblüffend, diese Ähnlichkeit mit der lebensgroßen Pappfigur daneben.

Der Film hat noch nicht recht angefangen, da steht Chris Coles Charakter schon fest: Er imitiert das Leben eines anderen. Als Fan der Heavy-Metal-Gruppe Steel Dragon und insbesondere deren Sänger Bobby Beers beherrscht er den Bobby-Beers-Blick und den Bobby-Beers-Gang, ganz zu schweigen vom markerschütternden Bobby-Beers-Schrei. Die Mimikry geht so weit, dass selbst den Mitstreitern der Freizeit-Metal-Band, in der ausschließlich Steel-Dragon-Stücke nachgespielt werden, unheimlich wird: Wo bleibt das Eigene, wenn alles bloß Nachahmung des Fremden ist?

Eine Problemstellung, die Regisseur Stephen Herek mit einer nach Hollywood-Maßstäben geradezu wissenschaftlichen Kälte durchspielt. Wie zuvor Cameron Crowe in Almost Famous erzählt er seine Geschichte am Faden eines Outsiders, der plötzlich ins Zentrum seiner Wünsche hineingerissen wird. Und wie bei Stephen Frears' Erfolgsromanverfilmung High Fidelity muss die Komödienform für den nötigen Unernst im traurigen Spiel sorgen. Im Grunde handelt es sich nämlich um eine Art Menschenversuch. Der im Titel angekündigte Rock Star ist nicht nur ein Mann ohne Eigenschaften, gerade sein Dasein als Provinznull prädestiniert ihn zu einer Karriere im Rock-Business.

Umgekehrt wird es sein erwachender Eigensinn sein, der ihn wieder auf die Straße hinausspült.

Die Versuchsanordnung setzt gewisse Abkühlungserscheinungen hinsichtlich des rebellischen Charakters von Subkulturen voraus. Rock Star beginnt im Pittsburgh der achtziger Jahre, zwischen Industrieruinen und Vorstadthäusern.

Wenn der von Mark Wahlberg wunderbar präpotent interpretierte Held sich mit seinem Polizistenbruder balgt, ist das nur noch ein Zitat der alten Auseinandersetzung zwischen Underground und Staatsmacht. Und wenn er auf einem Parkplatz anderen Metal-Nachmachern über den Weg läuft, geht es bei der Redeschlacht nicht etwa um Fragen des härteren Lebenswandels, sondern allein um das richtige Grün in der Stickerei auf dem Jackenärmel. Rock 'n' Roll ist amerikanische Folklore geworden. Selbst das monumental ins Bild gesetzte Piercen einer Brustwarze hat den Charakter einer Handlung nach Feierabend.

Auch die vermeintlichen Originale werden als Poseure vorgeführt. Sie rocken, wie die meisten im Business der zu Unrecht verklärten Achtziger, aus Spaß an Macht und Geld - geschäftstüchtige Gockel mit Louis-Quatorze-Frisuren, die auf ihren weitläufigen Anwesen in Beverly Hills Hof halten, sämtliche Laster der Dekadenz inbegriffen. Aber schön bunt hier! Als Chris Cole die Chance ereilt, den nach langen Jahren des Rock-Lifestyles verschlissenen Bobby Beers als Leadsänger zu ersetzen, wird man mit seinen staunenden Augen in die böse gute Gesellschaft eingeführt, vorbei an Vitrinen mit Kettenhemden, Flying-V-Gitarren der 73er-Bauserie und anderen Devotionalien, hinein in ein Glaskasten-Studio, in dem der original Steel-Dragon-Sound generiert wird: eine Retortengeburt, dem nur noch der richtige Gesang eingepflanzt werden muss.