Deutschland war nicht erst in den Jahren des Bombenkriegs in Trümmer gesunken. Die Zerstörung, die innere Zerstörung, hatte schon lange zuvor begonnen. Freiheit, Demokratie, Parlamentarismus - all diese Begriffe waren bereits in den Jahren der Weimarer Republik von der militanten Rechten unter der Führung Adolf Hitlers und seiner Partei entwertet und verächtlicht gemacht worden. Später dann, nach 1933, war all das völlig tabu, jenseits des Vorstellbaren. Schon allein aus diesem Grunde hatten nur die wenigsten unter uns Jungen, die wir in der Zeit des "Dritten Reichs" erwachsen geworden waren, eine Vorstellung von dem, wie ein republikanisches Deutschland aussehen könnte.

So erging es auch mir. Damals - nach Ablauf der "Stunde null" - stellte sich die Frage: Woran sollten wir uns politisch orientieren? Eigenverantwortung war zunächst nicht mehr als ein fernes Ideal, weil wir in der Tradition des autoritären, später totalitären Obrigkeitsstaates aufgewachsen waren, in dem immer nur Gehorsam und Pflichterfüllung verlangt wurden (zuletzt bis zum Kadavergehorsam), nicht aber Mündigkeit, also Wissen, Gewissen und Verantwortung. Für mich galt nur eins, es war wie das elfte Gebot: Nie wieder Diktatur! Nie wieder Unfreiheit! Und dazu wollte ich beitragen. Aber wie?

Anfangs keimten nur vage Vorstellungen, auf welche Weise ein Nach-Hitler-Deutschland in den westlichen Besatzungszonen aufgebaut werden könnte. Erste Orientierung gab es über den Rundfunk. Von Mitte 1945 an erschienen dann die Zeitungen wieder, zunächst waren sie noch ganz dürftig, zwei Blättchen dünn, und es fanden erste Treffen örtlich "lizensierter" Parteien statt

die ersten Kommunalwahlen gab es ein Jahr später.

Da erwies es sich als purer, glücklicher Zufall, dass ich im Herbst 1946 in Stuttgart dem damaligen Kultusminister Theodor Heuss über den Weg lief. Er sollte mir eine erste, nicht belehrende, sondern überzeugende Lektion über Freiheit, Demokratie und Verantwortung erteilen - eine Lektion, die lebenslang nachwirkte.

Und nicht nur bei mir! Im Laufe der Zeit und des raschen wirtschaftlichen Aufbaus versöhnten sich immer mehr Deutsche mit der zuvor ungeliebten Demokratie. Und dazu hat Heuss entscheidend beigetragen. Zunächst durch die Arbeit am Grundgesetz, bei der er eine Schlüsselrolle spielte. Dann während seiner zehnjährigen Bundespräsidentschaft, von 1949 bis 1959, und danach bis in seine letzten Lebensjahre, bis zu seinem Tod 1963. Seine schwäbisch geprägte, urbane Persönlichkeit war ebenso vertrauenerweckend wie seine Bildung, seine Redekunst und nicht zuletzt sein entwaffnender (also geradezu pazifistischer) Humor.

Heuss' Liebe zur Demokratie ensprang einer Familientradition, die von der 48er-Revolution geprägt war