Das Abitur, eine Errungenschaft des preußischen Kulturstaats, verkommt zunehmend zu einem Hochschuleintrittsbillett von zweifelhaftem Wert. Die Universitäten müssen Abiturienten aufnehmen, die nicht zu ihnen passen - viele Studenten landen in Hochschulen, in denen sie nie einen Abschluss machen werden. Realitätsferne Bestimmungen legen die Zahl der Studienplätze fest, die Universitäten in einzelnen Fächern anbieten müssen. Diese bundeseinheitlichen Kapazitätsverordnungen berücksichtigen weder die sehr unterschiedlichen Profile der Hochschulen noch die daraus erwachsenden Anforderungen an die Studenten. Dadurch wird zusammengewürfelt, was oft nicht zusammengehört. Bis beide Seiten dies merken, vergehen häufig einige Semester. Niemand darf sich deshalb wundern, wenn in Deutschland - je nach Fach unterschiedlich - etwa jeder dritte Studierende bereits weit vor dem Examen scheitert und sein Studium abbricht.

Akademische Berufsbilder sind heute hoch differenziert: Finanzmathematik, Mechatronik, Medizintechnik, Molekulare Biotechnologie, technische Betriebswirtschaftslehre - Beispiele für Studienangebote mit spezifischem Profil an der Technischen Universität München. Sie setzen besondere Begabungen und Interessen voraus. Je weiter Studienfächer von Schulfächern abweichen und je spezialisierter sie sind, umso mehr muss Klarheit über die zugehörigen Begabungen des Studienanfängers bestehen. So muss der Informatiker komplexe Strukturen rasch erkennen und verarbeiten können.

Hierfür gibt es, etwa an der Stanford University, erprobte Testmethoden. Der technische Betriebswirt braucht kaufmännisches Talent ebenso wie die Befähigung, naturwissenschaftlich-technische Zusammenhänge zu durchblicken.

Ein zweifacher Anspruch, der bereits zu Studienbeginn klar sein muss.

Immer stärker unterscheiden sich zudem die Studiengänge von Universität zu Universität. Die eine Hochschule bietet in der Biochemie ein besonders forschungsnahes Studium, die andere spricht eher vielseitige Generalisten an, die dem Bachelor-Studium im Basisfach Biochemie später vielleicht einen Master of Business Administration (MBA) hinzufügen möchten. Die wachsende Differenziertheit und Vielseitigkeit erfordert Stimmigkeit - die das Abitur längst nicht mehr gewährleistet. Wenn landauf, landab hohe Abbrecherquoten und lange Studienzeiten beklagt werden, dann liegen die Ursachen weniger bei unfähigen Lehrern, "faulen Professoren" und unbegabten Studenten, vielmehr liegt ein zentrales Problem darin, dass jede Abiturprüfung, egal wie und wo bestanden, zum Studium ad libitum autorisiert.

Wie konnten wir es jahrzehntelang zulassen, dass der Andrang zum Medizinstudium über den Abiturdurchschnitt und einen reichlich theoretischen "Medizinertest" gesteuert wurde, während die Haltung des angehenden Arztes zum Kranken und zum medizinischen Fortschritt nicht oder allenfalls am Rande interessierte? Warum qualifiziert sich ein abgewiesener Medizinstudent durch bloße "Wartezeiten" für einen Studienplatz? Ebenso lohnend erscheint der kritische Blick auf das deutsche Massenfach Jura: Weit entfernt von der "einzigartigen Schule", wie Karl Jaspers die Universität anno 1946 haben wollte, humpeln heute 70 Prozent der angehenden Rechtswissenschaftler auf den goldenen Krücken der Paukkurse durchs Examen, bei hohen Wiederholungs- und Ausfallraten. Freier Zugang zum Jurastudium, aber strenge Auswahl der Rechtspfleger im gehobenen Dienst: Das System ist auch in sich nicht stimmig.

Die deutschen Universitäten werden im globalen Wettbewerb nur eine Chance haben, wenn ihre Lehr- und Forschungsangebote mit den Begabungen und Interessen der Studenten zusammenpassen. Dafür benötigen die Hochschulen ein Auswahlverfahren, das allgemeine und spezielle Fähigkeiten eines Bewerbers berücksichtigt.