Echte "deutsche" Juden sind heute nur noch vereinzelt anzutreffen. Paul Spiegel, der zurzeit amtierende Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist einer der Letzten, der für sich dieses Epitheton in Anspruch nehmen kann. Als sein Erinnerungsbuch von seinem Freunde Michael Verhoeven im Jüdischen Museum in Berlin vorgestellt wurde, fand der Sachverhalt besondere Erwähnung, dass er einer Viehhändlerfamilie entstammt, die seit Jahrhunderten im Westfälischen ansässig war.

Der junge Paul erblickte zwar in Warendorf das Licht der Welt, hat aber, als die Lebensumstände der Juden in der Nazizeit immer stärker eingeschränkt wurden und ein Bleiben unmöglich wurde, seinen Heimatort mit den Eltern verlassen müssen. Auch in Warendorf wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge zerstört

die Thorarollen wurden zerfetzt und die Gebetbücher auf die Straße geworfen. Die Ereignisse in Warendorf unterschieden sich nicht sehr von denen in anderen Städten.

Paul Spiegels Vater, dem man die Kleider vom Leibe riss, wurde von johlenden SA-Horden unter dem Absingen des NS-Liedes Wenn's Judenblut vom Messer spritzt verprügelt. Das alles geschah vor den Augen der Nachbarn, die, peinlich berührt, wegsahen und schwiegen. Dieses Gewährenlassen war - so Spiegel - die Voraussetzung, "dass die NS-Machthaber ihre kriminelle Energie entfalten konnten".

Der Familie Spiegel glückte die Flucht ins belgische Exil. Es war ihr aber nur eine kurze Atempause vergönnt. Zwischen Juden und Deutschen wurde hier kein Unterschied gemacht. Auch die Juden wurden als "feindliche Ausländer" angesehen. Paul Spiegel stand vor der Wahl: entweder Internierung oder Illegalität. Die Familie Spiegel hatte Glück, dass ein christlicher Belgier ihnen Asyl gewährte. Der Metzgermeister Blomme war ein anständiger Mensch.

Von seiner Sorte hat es in Belgien eine ganze Reihe gegeben.

Als die Wehrmacht nach Belgien einrückte und Brüssel besetzt wurde, denunzierte man Hugo Spiegel und verhaftete ihn auf offener Straße. Paul Spiegel, der in seinem Buch großen Respekt vor seinem Vater zeigt, erinnert sich, wie dieser von ihm Abschied nahm ("Männerwangen kratzten zarte Kinderhaut"), aber auch an das Geräusch von auf Straßenpflaster knallenden Marschstiefeln. Dieses Geräusch habe sich in sein Unterbewusstsein eingegraben. Noch heute, so bekennt er, zucke er zusammen, wenn er den Marschtritt der Bundeswehr höre, und müsse sich zusammenreißen, wenn er nicht von der in ihm aufsteigenden Panik überwältigt werden wolle.