Musik als Unterhaltung, Musik als intellektuelle Herausforderung? Alles nur Nebenschauplätze. Alle Musik sei immer und vordringlich "Gemütserregungskunst", behauptet eine der Figuren in Wolfgang Schlüters vertrickstem Roman Dufays Requiem. Aber sosehr Musik auch das Gemüt zu erregen vermag: Zumindest literarisch ist kein musikalisches und auch kein sonstiges Kunstwerk elektrisierender als das inexistente. Um ein solches inexistentes Werk handelt es sich beim titelgebenden Requiem.

Der 1474 gestorbene Guillaume Dufay soll es für seinen eigenen Tod geschrieben haben, aber erhalten hat es sich nicht. Schlüter bietet uns zuhauf Theorien darüber an, was mit dem Requiem geschehen sein könnte.

Womöglich ist es von einem Schüler Dufays gestohlen worden, vielleicht von Ockeghem, vielleicht von Obrecht: Ein zeitgenössisches Gemälde wird als Beweisstück wortreich belebt und mündet im Tod, wird zerfressen von der schwarzen Pest. Womöglich ist das Requiem den Weg vieler Handschriften gegangen und endete "als Einwickelpapier für tote englische Heringe" oder als Dichtungsmaterial für Bierfässer. Womöglich ist Dufays Meisterwerk zum Spielball kirchenpolitischer Ränkespiele geworden und deswegen aus dem Verkehr gezogen worden

womöglich hat der Komponist selbst seinem Werk einen Datenvirus implantiert, der zur Selbstzerstörung führte. "Wir wissen so verzweifelt wenig", nämlich gar nichts.

Der altmodische Gymnasiallehrer Hübschmann, Schlüters Hauptfigur, weiß auch nichts, lässt sich aber auf eine Wette ein: Er will Dufays Requiem finden, rekonstruieren, vielleicht auch erfinden, und reist zu diesem Behuf nach England und nach Wien und nach Italien, durch die Jahrhunderte und die geballte Musikgeschichte. In "weitschweifichten Exkursen" lässt sich Hübschmann über fast alle tönernen Aspekte der Welt aus, vor allem über die vergangenen, denn der Moderne begegnet er als kulturpessimistischer Solitär.

Hübschmann, dessen Bericht Schlüters Roman bestimmt, drückt sich gern geschraubt, gewunden, gestelzt aus

"das nervt nachgerade", finden seine Wettpartner Antonietta und Malcolm und merken nicht, dass sie selber bald nur noch "Ideenträger" in Hübschmanns Wirklichkeitssimulationen sind.