Am Anfang stand eine Vermutung: Könnten sich intellektuelle Phänomene - Gedanken, Ideen oder Informationen - vielleicht wie physikalische Partikel verhalten und damit mathematisch beschreiben lassen? Vor dem Hintergrund dieser Utopie untersuchten die Amerikaner R. E. Burton und R. W. Kebler Ende der fünfziger Jahre die Zitate in wissenschaftlichen Publikationen. Dabei stellten sie fest, dass sich deren typische zeitliche Verteilung mit einer Exponentialfunktion beschreiben lässt - genau wie beim Zerfall radioaktiver Substanzen. Aufgrund dieser Analogie sprachen die beiden Forscher erstmals von der "Halbwertszeit" (engl. half-life) von Publikationen.

Allerdings rieten sie zur Vorsicht im Umgang mit diesem Begriff. Denn die abnehmende Häufigkeit der Zitate mit der Zeit kann weder als naturgesetzlicher Verlauf noch als Zerfall oder Auflösung der zitierten Publikationen verstanden werden. Der beobachtete Effekt, meinten Burton und Kebler, deute lediglich auf eine abnehmende Nutzung hin, die sie als "Alterung" bezeichneten. Doch auch dieser Begriff erwies sich als problematisch:

- Durch das Wachstum der Literatur stehen immer mehr Publikationen neueren Datums zur Verfügung, weshalb ältere beim Zitieren vernachlässigt werden. In der so genannten Alterung verbirgt sich also ein Wachstumseffekt.

- Fast 90 Prozent aller Publikationen werden nicht oder sehr wenig zitiert, der Rest ausgiebig. Der Zitationsverlauf wird also anhand einer begrenzten Auswahl von Arbeiten ermittelt.

- Der angebliche Alterungseffekt tritt nur bei hochaktuellen Themen der exakten Wissenschaften auf, an denen kleine Gruppen mit großer Intensität forschen. Diese Probleme werden regelrecht abgearbeitet, gewissermaßen "verbraucht". Für andere, langfristigere Themen gilt das exponentielle Abklingen dagegen nicht.

In neueren Studien wird der Begriff "Halbwertszeit" daher kaum noch verwendet.