Bernhard Kegel: Sexy Sons Ammann Verlag, Zürich 2001 460 S., 22,50 e Seit einigen Jahren mehrt sich die Naherwartungs-Science-Fiction. In ihr liegt die Zukunft nicht mehr Jahrhunderte, sondern nur noch Jahre vor uns, und statt großer Panoramen werden Schnappschüsse des Heute weiterentwickelt.

Im Fokus ist derzeit die Biotechnologie. So auch in Sexy Sons, dem zweiten Roman des Biologen Dr. Bernhard Kegel. Den Umschlag ziert ein erigierendes Männchen - ein Bruder jener Figuren, die auf Michel Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone abgebildet sind. Dabei nähert sich Kegel eher Houellebeqcs anderem Roman Elementarteilchen. Thematisch zumindest.

In naher Zukunft, circa 2020, dämmert dank genetischer Zuchtwahl eine neue Rasse herauf. Die Männer sind zeugungsunfähig geworden, haben aber ihre sexuelle Energie in die Reproduktionstechnik investiert. Kegels Held, der impotente Arzt van Steeb, zeugt sein Kind im Glas: Die Pipette nähert sich "wie ein riesiger Speer" der Eizelle, die sie "verletzen, aufspießen, durchbohren" muss. Phallischer kann man Wissenschaft kaum metaphorisieren.

Solche In-vitro-Orgien verlagern die Kampfzone zwischen den Geschlechtern in die keimfreie Ödnis von Laborresopal. Das Isoliermaterial zwischen den Figuren ist ästhetisch weit fataler als Kegels einfallslose Sprache. Keine Begegnungen, keine Leidenschaft.

Aber Kegel will nicht nur unterhalten. Er will fachmännisch aufklären. Dabei mutiert ihm die Dystopie unter der Hand zum Hurra-Biologismus. Sex heißt Fortpflanzung, "das Wichtigste, was ein Organismus überhaupt tun kann", und da ist jedes Mittel recht. Der Sinn schlechthin ist die genetische Reproduktion. Da ist er wieder, der neueste Urschrei der Evolutionsbiologie.

Damit diese Männerzukunftsfantasie geträumt werden kann, wird ein ziemlich altes Frauenbild rausgekramt. "Frau Kommissar" hört "die innere Uhr ticken", und bei Frau van Steeb schlägt's schon dreizehn: "Mutterschaft und Schwangerschaft waren elementare Erfahrungen im Leben einer Frau." Sicher: Das Menschengeschlecht ist ein genetischer Staffellauf. Aber das ist eine Banalität. Was Kegel "Software" nennt, das Schicksal des Einzelnen, macht das Leben aus. Auch die Literatur. "Beim Menschen war eben alles komplizierter", seufzt Dr. van Steeb. Das hat sein Autor überhört.