Die Ideologie des Schönen als Kult ermöglicht einer rastlosen Schönheitsindustrie und ihren erfindungsreichen Designern unerhörte Umsätze.

Das meist zulasten natürlicher weiblicher Schönheit künstlich gestanzte Idol wird zum gesellschaftlichen Ideal verklärt und in einem sublim ausdifferenzierten System verhandelt und verwaltet. In dem Maße, in dem - durch Massenmedien verstärkt - Schönheit boomt, boomt auch ihre Verwertung und die lukrative Verführung durch den Imperativ: Werde schöner!

In einer Epoche verloren gegangener Gewissheiten ist Schönheit als erklärter Wert die letzte verbliebene Sicherheit. Das Schöne ist umflort von einer Aura des Religiösen. Schönheit ist der Leitwert einer Kultur des Konsumismus, deren Markenzeichen die glatte, gefällige Oberfläche ist, der Leitwert eines seelenlosen Materialismus, dessen Voraussetzungen sie bestens erfüllt: Sie setzt Jedermanns-Sehnsüchte frei, spricht beide Geschlechter an, scheint als Ziel nicht unerreichbar und greift auf ein universalmenschliches Bewusstsein für die ästhetische Erscheinung zurück.

Für Schönheit gibt es, wie für Wahrheit, keine endgültigen Kriterien, es gibt nur Übereinkünfte das macht Schönheit als Wert attraktiv für folgenlose Interpretationen. Wann aber, abgesehen von der Grundsatzfrage, ob es ein angeborenes Empfinden für Schönheit gibt, ist etwas "schön"? Wann Kitsch?

Wann erhaben? Und wer vor allem definiert, was schön ist? Schönheit unterliegt dem allgemeinen Wertewandel der Kulturen und ist letztlich eine theoretische Behauptung: Je länger eine bestimmte Vorstellung von Schönheit propagiert wird, desto allgemeingültiger ist die scheinbare Schönheit des Objekts, das diesen Vorstellungen entspricht. Aus einer immateriellen, grundlosen Behauptung wird so eine materielle, dinghafte Festlegung.

Das ist nicht neu. "Schönheit" war in der Menschheitsgeschichte seit je ein existenzielles, elementares Thema, die Frage nach Gestaltung und Proportion.

In der geltungssüchtigen Spätmoderne aber ist die Ästhetisierung der Lebenswelt mit der manchmal wahnhaften Verklärung makelloser Körperlichkeit und nie endender Jugend ein das Alltagsleben maßgeblich dominierendes Lebenskonzept: Schön ist, was schön sein soll, und was schön ist, ist gut und richtig. Der nackte Körper wird zur Skulptur der nackten Seele, die Arbeit am eigenen Körper ist die Arbeit am Ich. Im Körper spiegelt sich die Seele. Wer also über einen schönen Körper verfügt, besitzt eine schöne Seele. Wem gelänge es schon, sich dieser Dressur, dieser Glücksprophetie von der totalen Schönheit als sozialem Privileg dauerhaft zu entziehen?