Er ist wieder unterwegs, der Mann aus Archangelsk, 44 Jahre alt, ein Pianist, der mit Superlativen bekränzt wird, seit er auf internationalen Podien spielt. Und wenn der zierliche Mann mit schleppendem Schritt zum Flügel geht, sieht es aus, als belaste ihn das Gewicht der Erwartung. Doch wenn Mikhail Pletnev die Tastatur erreicht, ziehen ihn seine Hände gleichsam unter dieser Last hervor, zehn Finger, die schlechthin alles können und ihn vor allem mit Chopin verbinden. Was Pletnev, der selbst komponiert, in den vier Scherzi des Kollegen entdeckt, ist von so blitzendem Witz, so weltumrasender Intelligenz, dass es einem beim Hören den Geist erweitert. Mal ein Blick auf ferne Meere, mal ein Akkord, angeknipst wie eine Verhörlampe, mal ein leggierissimo in höchster Lage, das funkelt wie ein Insektenschwarm in menschenleerer Welt.

Vor allem das späte, vierte Scherzo von 1842 wird unter Pletnevs Händen zu einem Pandämonium, in dem die Linien, die Affekte, die Harmonien so dicht verkantet sind, dass die Romantik schon über ihre Grenzen blickt und ein Oktavlauf hinab in den Bass geht, als tänzele eine Schar von Zeichentrickratten über die Tasten. Zwischendurch reibt sich Pletnev die Nase, als denke er nach, als komponiere er noch an dem Stück. Dass man zwischen ihm und Chopin keinen Unterschied wahrzunehmen glaubt, ist natürlich eine Illusion aus dem Geniekult der Romantik. Doch hier steigt sie nicht aus Nebeln, sondern aus der Klarheit, mit der ein Zerrissener den andern erkennt.

(Mit Orchester am 13. Januar in Amsterdam, am 11. März in Berlin und am 13.

März 2002 in Freiburg.)