So nahe am Rand der Katastrophe standen sie schon lange nicht mehr: Indien und Pakistan massieren Truppen an der gemeinsamen Grenze. Krieg ist nichts Ungewöhnliches zwischen den beiden Nachbarn. Wenn er ausbrechen sollte, wäre es der vierte in 50 Jahren. Dieser Krieg aber könnte der verheerendste sein - die beiden Gegner verfügen über ein beträchtliches Atomwaffenarsenal. Das ist alles andere als beruhigend.

Trotz des apokalyptischen Szenarios lässt sich in der dramatischen Krise auch eine Chance erkennen. Es ist die Möglichkeit, im Konflikt der beiden Staaten den fundamentalistischen Terror zu neutralisieren. Damit könnten in der Kaschmir-Krise zumindest die gefährlichsten Sprengsätze entschärft werden.

Gefragt sind jetzt vor allem Pakistan und seine Militärregierung. Ob es die Taliban in Afghanistan waren, die religiösen Eiferer im eigenen Land oder die Mudschahidin Kaschmirs - immer hatte das pakistanische Militär seine Hand im Spiel, immer dienten die Fundamentalisten den Zwecken ihrer uniformierten Herren. In Afghanistan sollten die Taliban den Generalen die "strategische Tiefe" gegenüber dem Erzfeind Indien garantieren. Im Inland sollten die Religiösen die demokratische Opposition in Schach halten, in Kaschmir einen Konflikt kochen lassen, welcher der Militärkaste die Legitimation liefert.

Ritt auf dem Tiger Wie sehr die Streitkräfte in Pakistan Herr der Lage sind, hat nicht zuletzt der Krieg in Afghanistan bewiesen. Der Präsident, General Pervez Musharraf, überstand trotz aller Drohungen der Extremisten die Krise. Er hielt sein Land stabil und erwies sich gleichzeitig als verlässlicher Partner Amerikas. Die Befürchtungen, Pakistan könnte im Bürgerkrieg versinken, erwiesen sich als falsch.

Es mag wie ein Paradox erscheinen: Musharrafs Standfestigkeit im Krieg gegen die Taliban kann die heutige Krise ausgelöst haben. Viele Gotteskrieger, die einst auf Einladung Kabuls ins Nachbarland kamen, kämpfen auch in Kaschmir.

Nach ihrer verheerenden Niederlage in Afghanistan haben sie nach einer anderen Arena gesucht. Den Mudschahidin ist wohl das Attentat auf das indische Parlament zuzurechnen, das den jetzigen Vor-Krieg ausgelöst hat. Es könnte, muss aber nicht sein, dass der pakistanische Geheimdienst seine Finger im Spiel hatte. Wer immer das Attentat zu verantworten hat, musste die heftige Reaktion Indiens einkalkulieren. Denn in Neu-Delhi sitzt eine Hindu-Regierung, die selbst fundamentalistische Züge trägt und Großmachtambitionen hegt.

Der militärische Druck bietet für Musharraf einen, wenngleich schwierigen, Ausweg aus der Gefahr. Er könnte dem fundamentalistischen Tiger, den die Militärs geschaffen und geritten haben, nach Afghanistan einen zweiten, vernichtenden Schlag versetzen. Damit könnte sich Musharraf als Mann profilieren, der Pakistan von den obskurantistischen Kräften befreit. Das Risiko für Musharraf ist freilich viel höher als in Afghanistan. Kaschmir wird in Pakistan als Prüfstein der nationalen Identität empfunden - von der Armee auch als Grundlage ihres Machtanspruchs.