Wenn wir gewinnen wollen, darf nicht ein Hosenknopf fehlen." Geradezu generalstabsmäßig plante Roald Amundsen die Eroberung des Südpols. Sein britischer Kontrahent, der Marineoffizier Robert Falcon Scott, vertraute in hohem Maße auf die Kunst der Improvisation. Scotts Credo: Der britische Soldat löst etwaige Probleme vor Ort. Als Scott 1902 zum ersten Mal in seinem Leben Polargebiete bereiste, schrieb er Fridtjof Nansen: "Ich habe nur ein paar nebelhafte Vorstellungen und rechne sehr wohl damit, dass Pläne schnell und möglicherweise schlecht an Ort und Stelle gefasst werden müssen."

In diesen Zeilen lauert ein fatales Laisser-faire, das auch neun Jahre später die britische Expedition zum Südpol so exemplarisch scheitern ließ. Der Norweger Amundsen hingegen war ein erfahrener, trainierter und scharfsichtiger Empiriker in Eis und Schnee. "Wie viel Paraffin ist nötig, sich die Mahlzeiten zu wärmen?" Die planvolle Beantwortung solcher Überlebensfragen, die Überprüfung aller Details, von der Schneebrille über die Skibindung bis zum Hypsometer, entschieden über Sieg, Leben oder Tod im antarktischen Eis. Amundsen erreichte den Pol am 15. Dezember 1911, Scott traf einen Monat später ein.

Rainer-K. Langner, der das Duell zwischen Scott und Amundsen ebenso spannend wie kompakt beschreibt, bringt es auf den treffenden Nenner: "Der Wettlauf zum Pol wird im Kopf entschieden, als Lösung eines logistischen Problems."

Alles, was Amundsen anpackte, machte er richtig

er benutzte Hunde und Ski, ging schnell vor und verfügte über genügend Energiereserven. Scott lehnte Hunde ab, seine Leute konnten mit Skiern nur mäßig umgehen. Zahl, Ausstattung und Kennzeichnung seiner auf dem Weg zum Pol angelegten Depots lassen die Vorbereitungen der Briten hektisch, halbherzig und fahrlässig erscheinen. Ihr qualvoller Rückweg, ihr elender Tod knapp 20 Kilometer vor dem rettenden Depot war das Resultat allzu dürftiger Planung. Und kurz vor dem Pol beschloss Scott gar noch eine spontane Aufstockung der Mannschaft: Fünf statt vier sollten den magischen Südpunkt erreichen. Wo Amundsen für Kalorienüberschuss sorgte, rechnete Scott verhängnisvoll mit gekürzten Rationen.

* Rainer-K. Langner: Duell im ewigen Eis

Scott und Amundsen oder Die Eroberung des Südpols