Neulich bin ich in eine bizarre Demo hineingestolpert. 20 versprengte Plakatträger demonstrierten für die radikale Globalisierung. Sie nennen sich Anarcho-Kapitalisten und wollen ein neues System ohne Staat, in dem sich alles durch den Markt reguliert. Sie empfinden Steuern als Schutzgelderpressung und Gesetze als Freiheitsberaubung. Sozialhilfe wollen sie genauso abschaffen wie Handelsbeschränkungen und Waffengesetze. Mit diesem absurden Quatsch haben die Hardcore-Globalisierer schon weltweit in 108 Städten Unterstützer mobilisiert, die für den Steinzeitkapitalismus auf die Straße gehen. Vielleicht sollte man tolerant sein, es begrüßen, wenn junge Leute überhaupt ein Anliegen haben. Immerhin nehmen die teil am Weltgeschehen. Aber für mich sind diese Nervlobbys, die sich neuerdings überall bilden, eine der schlimmsten Kehrseiten des Internet. Über das Netz finden sich nämlich die Spinnerten dieser Welt, die bis dato nur ihr Umfeld mit ihren kruden Thesen genervt haben. Und sobald zwei Dutzend Menschen an den gleichen Unsinn glauben, bekommt die Sache plötzlich Relevanz. Eine Community zieht unweigerlich orientierungslose kleine Lichter an, die schon lange nach einer passenden Botschaft für ihr Sendungsbewusstsein suchen. Der Prozess ist immer derselbe: Es wird eine Internet-Seite aufgemacht und ein Chatroom. Dann gibt es eine Broschüre zum Bestellen, und wenn es ganz gut läuft, greifen am Ende die Medien die Sache auf. So war es auch bei den Annas. Ein weiteres trauriges Beispiel für einen radikalen Zusammenschluss, den die Welt nicht braucht. Annas (kurz für anorexics) nennt sich der Verbund militanter Magersüchtiger, der in den USA schon 100 000 Mitglieder rekrutiert hat. Sie kämpfen für das Recht, an der Krankheit zu sterben, die sie sich ausgesucht haben, und gegen das Vorgehen der Regierung gegen die zahlreichen Pro-Magersucht-Seiten. Zu ihrer Ikone haben sie die hauchzarte Ally-McBeal-Darstellerin Calista Flockhart erkoren. Die ahnt wahrscheinlich gar nichts von ihrem zweifelhaften Ruhm. Laut Sunday Times haben die Annas bereits Spenden in Höhe von einer Million Dollar gesammelt, um ihre Ansprüche vor Gericht durchsetzen zu können. Die Globalisierungsfreunde vergleichen sich übrigens mit den Apo-Kämpfern. Die seien schließlich auch am Anfang verlacht worden und hätten dann die Gesellschaft erschüttert. Ich bin keine Freundin der Apo: Aber das hat sie nicht verdient.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD