Die deutsche Schönheitschirurgie befindet sich im gesetzlichen Niemandsland: Zwar gibt es ein Dutzend Vereinigungen von ästhetischen und plastischen Chirurgen, doch der Beruf ist in der Bundesrepublik nicht geschützt. Jeder Fachmediziner, ob Haut-, HNO- oder Frauenarzt, ja sogar jeder Zahnarzt darf Schönheitsoperationen ausführen. Sie alle brauchen keine chirurgische Ausbildung nachzuweisen, dürfen sich lediglich nicht "plastische Chirurgen" nennen. Auf ihre Visitenkarten lassen sie deshalb etwa "kosmetische Operationen" drucken. Als Trittbrettfahrer des boomenden, lukrativen Geschäfts mit dem Schönheits- und Jugendwahn profitieren Kosmetikerinnen und Heilpraktiker. Sie dürfen all jene Korrekturen ausführen, die keinen chirurgischen Eingriff erfordern, und sogar Faltenunterspritzung vornehmen oder Partien der Gesichtsmuskulatur betäuben.

Seit Jahren plädieren die ausgebildeten plastischen Chirurgen - rund 800 in der Bundesrepublik - für eine Qualitätskontrolle und Regelung der krausen Verhältnisse, doch scheitern sie stets an der Lobby der weitaus zahlreicheren niedergelassenen Fachärzte. Besonders seit der finanziellen Beschneidung durch die Gesundheitsreform sind die Einnahmen aus der Schönheitsmedizin vielen Privatpraxen sehr willkommen.

Kein Wunder, dass es bei einer solchen Gesetzeslage kaum verlässliche Statistiken gibt. Kosmetische Operationen werden in der Regel nicht von den Krankenkassen übernommen und sind daher nicht meldepflichtig. Außerdem registriert niemand die Tausende preiswerten Operationen, die von deutschen Schönheitsinstituten angeboten, aber in Polen oder Tschechien ausgeführt werden. Die Schätzungen schwanken zwischen 300 000 und 800 000 kosmetischen Eingriffen pro Jahr.

Der Gang zum Schönheitschirurgen wird immer selbstverständlicher. Am gefragtesten sind bei Frauen Fettabsaugen (Preis: 3000 bis 12 000 Mark), Brustoperationen (9000 bis 13 000 Mark) und, vor allem, Face-Lifting (ab 6000 Mark) und Gesichtskorrekturen wie Augenlidstraffung (3000 bis 5000 Mark) oder Nasenkorrektur (7000 bis 12 000 Mark). Der Kampf gegen das Altern wird mit den meisten Waffen gefochten: 40 verschiedene Substanzen stehen heute für die Unterspritzung von Gesichtsfalten zur Verfügung, und die Methoden der Hautglättung, etwa mit Lichtimpulsen, werden ständig raffinierter. Für viele Frauen der oberen, aber inzwischen auch der Mittelschicht gehört die Behandlung inzwischen zur Routine.

Und die Männer eifern ihnen nach. Die Zahl derer, die sich für ein perfektes Aussehen unters Messer legen, hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Zwar ist der US-Trend zum muskelsimulierenden Brustimplantat, zum markigen Kinn oder zur Penisverlängerung noch nicht auf Deutschland übergesprungen, doch mehr und mehr Männer, vom Metzgermeister bis zum Manager, lassen sich inzwischen Fett absaugen, die Hakennase korrigieren oder Tränensäcke entfernen.

Besonders seit Teenageridole wie Britney Spears sich zur kosmetischen Operation bekennen, wird die Klientel der Schönheitschirurgen immer jünger.

Noch ist es bei deutschen Eltern allerdings nicht Mode wie in den USA, der Tochter zum 18. Geburtstag eine neue Nase oder Brust zu schenken.