Und dann hat Mister Kimmel gesungen. Mister Sidney Kimmel, der in Philadelphia/Pennsylvania in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs und es als Textilfabrikant zum Milliardär gebracht hat. Überall im Land hängt seine Damenkonfektionsware in den Kaufhäusern und verkauft sich gut. So gut, dass er einen Teil seines Vermögens für wohltätige Zwecke spendet. In Deutschland bekommt, wer sich für das Wohl der Allgemeinheit engagiert, das Bundesverdienstkreuz umgehängt. In den Vereinigten Staaten darf er vor laufenden Fernsehkameras und 2500 geladenen Gästen singen. Nicht irgendein Lied, sondern das Lied, die Hymne all derer, die es geschafft haben: I did it my way. Paul Anka, der Altmeister des Showbiz, hatte von der Bühne herab ins Publikum gefragt: "Wollen Sie, dass Sidney singt?" Tosender Applaus. Und dann ist Sidney Kimmel auf die Bühne gekommen und hat ganz spontan eine (gut geprobte) Eigenversion der alten Sinatra-Nummer gesungen.

Obwohl Mister Kimmel nicht der Rudolf Moshammer von Philadelphia ist. Er ist kein Show-Couturier im Selbstdarstellungsfieber, sondern ein seriöser Geschäftsmann mit Herz für die Kultur. Für seine Heimatstadt hat er ein bisschen Nähgarn von der ganz großen Rolle gelassen: 66 Millionen Mark. Und mit der Spende hat er den Bau eines Kulturzentrums möglich gemacht - das Sidney-Kimmel-Center. Es soll dem traditionsstolzen (und etwas in Ehren ergrauten) Philadelphia, in dem einst die Vereinigten Staaten ihre Unabhängigkeit erklärt haben, urbanen Schwung zurückbringen.

Großzügig wie eine Shopping-Mall erstreckt sich der Gebäudekomplex (entworfen von dem Architekten Rafael Vinoly) mit seinem signifikanten gewölbten Glasdach über einen ganzen Straßenblock. Als Herzstück beherbergt er einen neuen Konzertsaal für das Philadelphia Orchestra, das zu den Kulturikonen der Stadt zählt. Von den 580 Millionen Mark, die das Haus insgesamt gekostet hat, hätte man in Deutschland die Kölner Philharmonie und das Münchner Kulturzentrum am Gasteig zugleich bauen können. Allein die Kosten für die dreitägigen, kurz vor Weihnachten zelebrierten Eröffnungsfeierlichkeiten belaufen sich über 13 Millionen Mark.

Schnappschüsse aus dem reichen Amerika: Draußen rotieren die Lichtfinger riesiger Scheinwerfer und schreiben Hollywood-Glamour in den Nachthimmel.

Drinnen steht - mit einem Eintrittspreis von 11 000 Mark pro Karte als kleiner selektiver Maßnahme - eine Smoking-Gesellschaft zusammen, die ihre Namen gern in die Marmortafeln der Gründer und Förderer gravieren lässt, mit denen die Foyers der amerikanischen Kulturinstitutionen gepflastert sind: kunstsinnige und bürgerstolze Donatoren, Stiftungsverwalter, weiße Upper Class. Die wohlhabenden alten Damen, für die der Maestro des örtlichen Symphonieorchesters schon immer das Lieblingsspielzeug war und die societybewussten neureichen Industriemanager, die beim festlichen Beethoven nassforsch in die Satzpausen klatschen. Natürlich darf ein Superstar nicht fehlen, am besten aus der Popbranche - Elton John. Für eine Stunde Gesang am Klavier hat er ein stolzes Honorar von vier Millionen Mark kassiert (ganz privat überwiesen von Sidney Kimmel, weil dessen junge, frisch angeheiratete Gattin den Engländer so toll findet). Ist überhaupt jemals ein Musiker mit einer höheren Abendgage bedacht worden?

Beim Eröffnungsevent dominiert naturgemäß die Lockerheit der gestärkten Hemdkragen und der Danksagungslitaneien. Die Damen stellen ihre im Kosmetikstudio hart erarbeitete und wie gepanzert wirkende Schönheit aus. Die Big Band swingt ab halb eins vereinsamt vor sich hin, weil die meisten schon gegangen sind. Und trotzdem spiegelt sich in solchen opening nights mit lokalhistorischer Dimension der ganze Glanz des amerikanischen Kulturbetriebs. Atemberaubend erscheint das mäzenatische Engagement des reichen Bürgertums. Wie eine unverbrüchliche Überlebensversicherung muss den europäischen Kulturmachern diese private Generosität vorkommen, wo sie doch um jede Mark der öffentlichen Hand verzweifelt kämpfen. Irgendein Mister Kimmel, der ein paar Millionen übrig hat, so scheint es, lässt sich in den USA immer zum Wohl der Künste auftreiben.

Aber das Philadelphia Orchestra hat hundert Jahre lang von einem neuen Konzertsaal geträumt, bevor er gebaut wurde. Noch immer fehlen 50 Millionen Mark zur vollständigen Finanzierung. Das Orchester hat wirtschaftlich wechselhafte Zeiten hinter sich und muss ein Finanzloch im laufenden Etat in Höhe von acht Millionen Mark stopfen. Die goldenen Gaben sind meist an strenge Wirtschaftlichkeitskriterien gebunden. Die Gönner legen die Daumenschrauben an: Die über fünf Jahre verteilten Zuwendungen zweier großer Foundations an das Orchester etwa hängen von fünfprozentigen Einnahmezuwächsen am Ticketschalter ab.