Wenn er die Eitelkeit, für ihn die größte aller Musikersünden, bei sich selber spürt, reagiert er nicht gelassen, sondern gnadenlos. Es sei sein Albtraum, klagt er, wenn in einer Aufführung "noch zu viel Wand drinsteckt und zu wenig Bruckner". Dann beugt er sich wieder für Wochen über eine Partitur und macht sich auf die Suche nach dem reinen, unverstellten Weg, an dessen Ende die Symphonik wie aus sich spricht, nicht aus ihrem Dirigenten.

Der Künstler als Exorzist: Günter Wand, der am 7. Januar in seiner Wahlheimat Ulmiz im Berner Oberland das erlesene Alter von 90 Jahren erreicht, ist mit der tückisch-oberflächlichen Metaphysik des Musizierens bestens vertraut - mit Weihrauchschwaden bei Bruckner, mit süßen Glasuren bei Mozart, mit wonnigen Tempodehnungen bei Brahms, mit Betulichkeit bei Schubert. Wand weiß, was Künstler sich mitunter herausnehmen, wenn sie wehrlose Noten vor sich haben und sie zu Vehikeln ihres Personalstils machen. Diesen selbstbezüglichen Zirkel sucht der gebürtige Elberfelder strikt zu durchbrechen, Platten hört er nur ungern, er hasst die Routine der Reproduktion, nimmt sich nichts als die Noten vor, die Quelle der Wahrhaftigkeit. Wenn es sein muss, zum x-ten Mal.

Jede Aufführung - das Wort "Interpretation" hasst er ebenfalls - ist für Günter Wand eine Neuentdeckung, ein Urereignis, natürliches Ergebnis einer schmerzvollen Schwangerschaft. So macht er es, seit er 1945 das Kölner Gürzenich-Orchester übernahm (dem er mehr als drei Jahrzehnte vorstand)

seit er in den siebziger Jahren mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester einen epochalen Bruckner-Zyklus aufnahm

seit er Chef des NDR-Sinfonieorchesters Hamburg wurde

seit er, wie in den letzten Jahren, mit den Berliner Philharmonikern zusammenarbeitet. Mit ihnen hat er unlängst Anton Bruckners 8. Symphonie c-moll aufgenommen (BMG 74321 82866), eine CD-Veröffentlichung, die der Hörer naturgemäß in eine Reihe stellt mit Wands Einspielungen in Köln und Hamburg. Im Vergleich erscheinen sie wie die Begehungen eines Bergs von verschiedenen Seiten. Bot er in Köln noch die Direttissima, die kühne, enthusiastische, mitunter fast frostige Bewältigung eines Giganten, so schaut sich Wand mit den Berliner Philharmonikern sozusagen die Natur an, in welcher das Massiv steht. Fern jeder Edelweiß-Romantik interessieren ihn jetzt neben den Gipfeln die ruhigen Stellen, die Wanderpfade der Holzbläser, die Echo-Nachwehen inmitten von Türmungen und Verkantungen.

Ohne in Tempo und architektonischer Unerbittlichkeit auffällig nachzulassen, ist Wands Bruckner-Sicht über die Jahre organischer, runder, gewachsener geworden. Gewiss stellt er Bruckners Blöcke bisweilen wie in einem lakonischen Baukastenprinzip nebeneinander, mehr noch gelingen ihm nun auch Bögen, die sich über Seitenthemen oder (im Scherzo) über die weiche Trio-Einlagerung hinweg zu Prozessen wölben. Vergleicht man seine Einspielung mit der aktuellen von Nikolaus Harnoncourt (Teldec 8573-81037), überwältigt Wand abermals durch formale Übersicht, Natürlichkeit und gewaltige Ruhe selbst in schnellen Partien