Fünf Tage brauchten die britischen Geheimdienstler in ihrer Dechiffrierzentrale im idyllischen Bletchley Park bei Woburn, um die Funksprüche der deutschen Polizei aus dem besetzten Europa zu entschlüsseln, die sie am 11. Januar 1943 aufgefangen hatten. Darunter befanden sich zwei, die als "Geheime Reichssache!" besondere Aufmerksamkeit erregt haben mussten. Vom ersten Funkspruch, abgesandt um 10 Uhr morgens, konnte lediglich der Empfänger identifiziert werden: "An das Reichssicherheitshauptamt, zu Händen SS Obersturmbannführer Eichmann". Der Rest fehlte.

Der zweite Funkspruch fünf Minuten später hingegen lag bis auf eine kleine Lücke vollständig dekodiert vor. Er stammte von einem SS-Sturmbannführer Höfle beim SS- und Polizeiführer im polnischen Lublin und war an SS-Obersturmbannführer Heim beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Krakau gerichtet. Die britischen Kryptanalytiker wussten, dass beide Funksprüche von der Polizeifunkstelle OMQ stammten und dass OMQ als Rufzeichen für Lublin stand. Zwei der sehr seltenen Geheimen Reichssachen von derselben Funkstelle Lublin innerhalb von fünf Minuten gesendet: Es muss sich der Schluss aufgedrängt haben, dass beide Funksprüche weitgehend, wenn nicht gar völlig identisch gewesen sein dürften.

Ob die Briten allerdings mit dem Inhalt viel anzufangen wussten, ist eher zu bezweifeln. Die eigentliche Nachricht besteht nur aus vier Kürzeln in Großbuchstaben, jedes gefolgt von Zahlen, am Ende offenbar eine Summe: "zusammen 1 274 166". Zahlreiche andere dekodierte deutsche Funksprüche weisen Bearbeitungsvermerke der englischen Experten auf; etliche besonders wichtig erscheinende Nachrichten wurden sogar zusammengefasst an Premierminister Winston Churchill weitergeleitet. Nichts deutet jedoch darauf hin, dass die Spezialisten die außerordentliche Bedeutung ausgerechnet dieses Funkspruchs erkannt hatten. Man nahm ihn, wie alle anderen, als "Most Secret" unter Verschluss und gab ihn erst 2000 im Public Record Office in Kew für die Öffentlichkeit frei.

Hier wurde der Höfle-Funkspruch vor einigen Monaten von dem englischen Geschäftsmann und Geschichtsforscher Stephen Tyas, einem ausgewiesenen Fachmann auf diesem Gebiet, gefunden und sofort in seiner Bedeutung erfasst. Tyas benachrichtigte etwas später den Autor.

Himmler gibt Sprachregelung vor

Diese in der Tat völlig unscheinbare "14-tägige Meldung Einsatz Reinhart" erschließt sich in ihrer ganzen Monstrosität erst aus dem Zusammenhang. Am 13. Oktober 1941 hatte Heinrich Himmler als Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, Odilo Globocnik, in Gegenwart von dessen Vorgesetzten Friedrich-Wilhelm Krüger den folgenschweren Befehl erteilt, mit der Vernichtung der Juden im Generalgouvernement zu beginnen.

Globocnik ließ daraufhin von seinem Bauexperten Richard Thomalla nacheinander die drei Vernichtungslager Be¬zec, Sobibór und Treblinka errichten. Der Aufbau begann in Be¬zec am 1. November 1941, in Sobibór wahrscheinlich noch im selben Monat, in Treblinka, gelegen im Nachbardistrikt Warschau, Ende April/Anfang Mai 1942 nach einer Besprechung Himmlers anlässlich einer Besichtigung des Warschauer Ghettos am 17. April 1942. Globocnik wurden als Lagerführer und Mannschaften für die Vernichtungslager in mehreren Schüben etwa hundert eingearbeitete Männer aus den "Euthanasie"-Anstalten Bernburg, Hadamar, Hartheim und Pirna von der "Kanzlei des Führers" zur Verfügung gestellt. An eigenen Männern rekrutierte Globocnik aus seinem "Ausbildungslager Trawniki" etwa drei Kompanien ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener, mehrheitlich Ukrainer, als Wachleute für die Lager. Innerhalb seines Stabes bildete Globocnik eine kleine, aber schlagkräftige Einheit: die "Hauptabteilung Einsatz Reinhardt" unter Leitung seines österreichischen Landsmannes und Vertrauten Hermann Julius Höfle. Dieser bekam die Aufgabe, die einzelnen Mordaktionen mit der Zivilverwaltung zu koordinieren, die Ghettos im Generalgouvernement mithilfe weiterer "Trawniki"- und Polizeieinheiten räumen zu lassen, den Abtransport der Menschen in die Vernichtungslager zu organisieren und die abschließende Verwertung ihres Eigentums zu überwachen.