Es vergeht kein hochschulpolitischer Anlass, bei dem nicht ein Journalist oder Politiker klagt, dass die Professoren sich nicht genug um ihre Studenten kümmern und dass sie sich stattdessen ihren abstrusen Forschungen zuwenden und lieber Bücher schreiben. Auch wird immer wieder bedauert, dass bei Berufungen der Forschung - also dem Aufsatz- und Bücherschreiben - ein viel zu großes Gewicht beigemessen und die Lehrqualifikation schmählich vernachlässigt würde.

Dieses Gerede von den zu viel forschenden und zu wenig lehrenden Professoren zeugt von einer profunden Unkenntnis der Realität. Was da immer gefordert wird, nämlich der aktive Einsatz in der Lehre, ist einfach die Normalität. Natürlich gibt es immer einmal einen faulen Sack dazwischen, aber selbst der kann sich angesichts erhöhter sozialer Kontrolle schon längst nicht mehr seinen Pflichten entziehen. Auch im internationalen Vergleich ist - was immer in der Öffentlichkeit verbreitet wird - das Lehrdeputat ausgesprochen hoch. Meines beträgt doppelt so viel wie das eines amerikanischen Kollegen. Ich muss 240 Stunden geben (30 mal 8 Stunden), mein amerikanischer Kollege etwa 120 (bis maximal 150), mein französisches oder italienisches Pendant kommt auf 100 bis 120 Stunden.

Daher wäre eigentlich eher gerade das Umgekehrte zu erwarten, nämlich dass der deutsche Professor seine andere Pflicht vernachlässigt, die Forschung, das Aufsätze- und Bücherschreiben. Aber trotz Lehrbelastung kommt doch eine ganze Menge Forschung aus den Universitäten heraus. Die Deutschen sind - jedenfalls in meinem Bereich - auch international immer noch ganz schön präsent. Während der Vorlesungszeit einen Aufsatz fertig zu stellen - oder gar an einem Buchprojekt weiterzuarbeiten - ist allerdings schwer. Das gelingt nur in den Nachtstunden und an den Wochenenden, wenn der Rest der Nation vorm Fernseher sitzt, oder eben in der vorlesungsfreien Zeit, die bekanntlich dem Forschen dient. Kurzum, ich möchte angesichts jenes merkwürdigen, um sich greifenden Maulens einmal festhalten, dass die deutschen Forscher und Lehrer eigentlich ziemlich fleißig sind. Zugegeben: Es macht auch alles enormen Spaß, und deswegen arbeiten wir ja normalerweise auch unsere 60 bis 70 Stunden pro Woche, wie sich das gehört.

Wer publiziert, verliert

Wir Berliner Professoren aber haben es künftig besser, wir brauchen gar nicht mehr zu forschen! Der Kampf gegen die übertriebene Forscherei des deutschen Professors, dieses Vielschreibers und Weniglehrers: Hier ist er gewonnen. An Fachhochschulen darf noch publiziert werden (aber wenig: drei Prozent); an den Universitäten jedoch ist es als Forschungsleistung abgeschafft. Diese Neuerung wird sicher überall vorbildhaft wirken, besonders in den USA, die bekanntlich unter der Maxime "Publish or perish" leiden, wird der Berliner Grundsatz "You perish if you publish" wohl als befreiend empfunden werden.

Allerdings wird diese wissenschaftspolitische Kühnheit nicht offensiv und öffentlich vertreten, sie kommt leise durch die Hintertür. Oder vielmehr: Sie ist schon da, sie ist unterschrieben und besiegelt, und zwar in Gestalt des Hochschulvertrags 2003-2005 zwischen dem Senat und den Hochschulen. Dies ist ein Dokument, in dem das bankrotte Berlin periodisch seinen Hochschulen die Zustimmung zu immer geringeren Finanzierungen abpresst. In ihrer Not unterschreiben die das, um noch Schlimmeres zu verhindern. Und dort ist die revolutionäre Neuerung in der Anlage 1 versteckt.

Hier werden die Kriterien aufgeführt, nach denen die Hochschulen in Berlin künftig die Mittel vom Senat zugewiesen bekommen. Und damit es da gerecht zugehe, soll alles nach Leistung verteilt werden. "Leistungsbezogen" ist ja das hochschulpolitische Zauberwort der letzten Jahre, sozusagen das akademische Pendant zu den Koch-Scharpingschen Vorschlägen gegen Drückeberger und Faulenzer. Man hört gleichsam den preußisch-amerikanischen Kasernenhof: "Leis-tung!" Der Senat formuliert, was er für sein Geld haben will. Wer zahlt, bestimmt. Er erwartet, scheinbar traditionell humboldtisch, dass die Universitäten ungefähr hälftig Lehre und Forschung betreiben. Das wird in Anlage 1 bürokratisch penibel in Zahlen ausgedrückt: Es gibt 47,5 Prozent Mittel für Leistungen in der Lehre und 47,5 Prozent für Leistungen in Forschung/Nachwuchsförderung, 5 Prozent werden für die Förderung von Frauen verteilt. So weit, so gut.