Das Handy von Viveck Vaswani klingelt ununterbrochen. Am anderen Ende der Leitung sind ausnahmslos Menschen, die eigentlich Götter sind und deswegen nie selbst ans Telefon gehen, wenn sie angerufen werden. Aber sie drücken wie Gemeinsterbliche an diesem Abend geduldig die Wiederwahltaste, bis sie endlich zu Viveck Vaswani durchgedrungen sind, denn nur er weiß, wer weiterhin Wohnrecht im Pantheon haben wird. "Es geht um Leben und Tod, wie jeden Freitag", sagt der 37-jährige Filmprofi aus Bombay lakonisch, aber durchaus ernst. "Bei euch im Westen ist eine Filmpremiere natürlich auch aufregend, aber was passiert schon groß, wenn man einen Flop ins Kino gebracht hat? Der Produzent verliert vielleicht ein bisschen Geld, na und? In Bombay ist das anders." Tatsächlich: Die indische Filmmetropole ist ein heißes Pflaster, in der es äußerst abenteuerlich zugeht. Vor allem an einem Premierenabend.

Schon Wochen vor dem Kinostart konnte man überall in Bombay die fünf getüpfelten Buchstaben RHTDM finden, auf Leitplanken, Rikschas, Bussen. Üblicherweise werden die Filmtitel, wie in diesem Fall Rehnaa hai terre dil mein (Herz zu Herz), auf die Anfangsbuchstaben reduziert, das gilt als Kult. Sogar auf den riesigen handgemalten Billboards verzichtet man auf den ausgeschriebenen Titel, dafür lächeln dort die Stars auf die künftigen Kinogänger herab, natürlich ohne Namensnennung. Wer die nötig hat, ist nach landläufigen Maßstäben einfach kein Star. In RHTDM ist es tatsächlich überflüssig, obwohl Hauptdarstellerin Diya Mirza in diesem Film debütiert. Aber sie hat vor kurzem den Miss-Asia-Pacific-Schönheitswettbewerb gewonnen - und dieser Titel bedeutet in Indien fast automatisch den Beginn einer Kinolaufbahn.

Für indische Frauen mit Schauspielambitionen sind Schönheitswettbewerbe fast die einzige Möglichkeit, eine Filmkarriere zu beginnen, außer man stammt - wie etwa die Kapoors - aus einer Kinodynastie, in der das Recht auf Leinwandpräsenz von Generation zu Generation weitervererbt wird. An Mirzas Seite spielt Madhavan, eigentlich ein TV-Talkstar, den Viveck Vaswani mit diesem High-Budget-Film zum ersten Mal ganz groß im Kino herausbringen will. Für solche Coups ist Vaswani in der Filmszene bekannt, schließlich hat er auf genau diese Weise auch den Topstar Shah Rukh Khan ("SRK") entdeckt - ein Schauspieler, den rein statistisch heute weltweit mehr Menschen kennen dürften als beispielsweise Leonardo DiCaprio. Aber noch ist nicht sicher, ob Madhavan eine ähnliche Karriere wie "SRK" machen wird - und deswegen ruft er zum wiederholten Male an diesem Tag bei Viveck Vaswani an, um sich nach den Zuschauerzahlen zu erkundigen. Wie ein Damoklesschwert hängen die Ergebnisse über ihm, aber Vaswani beruhigt: "In Madras melden haben alle Kinos full house, Bandra hat 75 Prozent im Vorverkauf bei der 18-Uhr-Show, das ist sehr gut, den Rest erledigt die Abendkasse, Dadar ähnlich. Imperial fahre ich gerade hin ... du musst unbedingt vor der Pause kommen, Fototermin mit dem Vorführer. - Nein, du musst. Und sei bitte pünktlich, ich will keinen Mob." Viveck Vaswani ist einer der ganz wenigen Personen in Bollywood, der Stars solche Anweisungen geben kann. Er ist Produzent und PR-Berater und sagt von sich selbst, er sei einer von zehn Leuten, die bestimmen würden, was in Bollywood passiert. Aber er weiß genau, wie weit seine Macht reicht. Nämlich bis an die Kinokasse, wo sich alles entscheidet. Und zwar mit Zahlen, von denen westliche Filmschaffende nur träumen können: Circa 3 Millionen Zuschauer sehen pro Tag in Indien einen Film, in Kinos mit durchschnittlich 500 Sitzplätzen. Das Imperial in Bombay gilt als das Kino, wo die Trends gemacht werden. Es hat 1500 Plätze - das ist, gemessen an unseren Schuhkarton-Multiplex-Kinosälen, eine ganze Menge.

Als wir im Imperial ankommen, dürfen wir direkt vor dem Eingang parken. Wie alle wichtigen Männer in Bollywood hat Viveck Vaswani einen jungen Assistenten an seiner Seite, der nach der langen Fahrt bei circa 30 Grad schnell noch ein bisschen Deodorant unter das Hemd sprüht, bevor wir uns ins Gewühl stürzen - und mir bei dieser Gelegenheit rät, ich solle lieber keine Fotos vom eindrucksvoll geschmückten Portal machen, weil die Schwarzhändler das nicht gern hätten. Prächtige Blumengirlanden hängen über dem Eingangsbereich, Taxis hupen hysterisch, und als Westler blickt man wie üblich nicht durch. Wenn an der Kasse das full house-Schild aufgestellt ist, heißt das nämlich noch lange nicht, dass man keine Karte mehr bekommt. In einem schwer durchschaubaren Spiel zwischen Kinokasse und Verleihern übernehmen zumindest am Premierenabend Schwarzmarkthändler komplett den Billettverkauf - und diese geheimnisvoll aussehenden Männer sind die Schlüsselfiguren, ihre Berichte an die Filmverleiher sind ausschlaggebend.

Nur der Vortester geht allein

Vaswanis Handy klingelt mal wieder, diesmal ist es der Regisseur Gautham Menon, der die aktuellen Zuschauerzahlen zwar schon weiß, aber noch nicht, was morgen in den Zeitungen steht. Die Times of India, weiß Vaswani natürlich bereits, würde morgen etwas sehr Wohlwollendes bringen, aber bemängeln, dass der Hauptdarsteller zu dick sei und dringend auf Diät gehen müsste. Leider hätte Starkritiker XY von Z den Film von Anfang an gehasst. Da könne man nichts machen, tröstet Vaswani den Regisseur und gibt neuerlich eine indische Kinoweisheit von sich: "Entscheidend sind die Zahlen von der Freitagnachmittagsvorstellung im Vergleich zur Montagsnachmittagsvorstellung: Wenn es da einen Zuwachs gibt, ist alles im grünen Bereich!" Montag erst würde man wissen wissen, ob es sich um einen Superhit, Semihit oder um einen two-weeker handeln würde. "Ich habe ein gutes Gefühl, besser hätte man diesen Kinostart nicht vorbereiten können. Falsch war nur der Titel - viel zu lang, das kann sich kein Mensch merken, und die Idee, die Buchstaben zu tüpfeln, hatte wohl ein Designer aus der Hölle?!" "Personal Crisis Management" nennt Vaswani diese Art der persönlichen Beschwichtigungen, die sich für Kinobesitzer, Schauspieler und Produzenten an so einem Premierenabend doch recht unterschiedlich anhören.

Zusammen mit einer riesigen Menschentraube schieben wir uns durchs Foyer in den Kinosaal. RHTDM ist ein family film, der vorzugsweise im Kreise der nächsten Angehörigen angesehen wird. Allein ins Kino zu gehen gilt in Indien als Unsitte, es sei denn, man wird von der Familie als Vortester geschickt und soll entscheiden, ob der Film der restlichen Mischpoke gefallen wird. Große Hits und Lieblingsfilme werden im positiven Fall dann auch nicht nur einmal, sondern vier-, fünf-, sechsmal angesehen, schließlich geht es im indischen Kino ja nicht darum, mit Spannung die Handlung zu verfolgen. Die kennt man zumeist schon vorab, aber nicht etwa aus Filmkritiken, sondern weil das indische Kommerzkino eigentlich immer nur neue Varianten von drei, vier Geschichten erzählt. In RHTDM handelt es sich um die beliebte Story vom armen, jungen Mann, der sich in eine reiche, schöne Frau verliebt, die jedoch in einer von den Eltern arrangierten Hochzeit einen standesgemäßen Ehemann heiraten soll. Erst nach drei Stunden Missverständnissen und Zufällen wendet sich das Schicksal, und die beiden Liebenden finden in letzter Sekunde zueinander.